Naheliegend, dass aus Leipzig ein Beitrag zu der Interpretation von Bach-Passionen kommt. Üblicherweise legen Kantoren ihre Sichtweise vor. Ramin,Mauersberger, Biller, um nur drei Namen zu nennen.
Chailly macht diese Aufnahme als Chef des Gewandhausorchester.
"Eine Neuaufnahme in perfekter Besetzung Riccardo Chailly holt Bach dahin zurück, wo er die beeindruckendsten Werke komponierte: nach Leipzig. Zusammen mit seinem Gewandhausorchester nahm Chailly im vergangenen Jahr drei der wichtigsten Werke Bachs auf. Die Brandenburgischen Konzerte, die Matthäuspassion und das Weihnachtsoratorium. Nach den 6 Brandenburgischen Konzerten im Januar folgt nun als zweite Veröffentlichung Bachs Meisterwerk der Chormusik, die Matthäus-Passion. Die Chorpartien wurden vom Leipziger Thomanerchor und dem Tölzer Knabenchor eingesungen. Zusätzlich konnten für diese Produktion Solisten wie Thomas Quasthoff und Hanno Müller-Brachmann gewonnen werden, die die Herausforderungen Bachs exaltierter Partitur bravourös meistern. Bach Fans dürfen sich das ganze Jahr freuen. Nach der Veröffentlichung der Matthäus Passion zu Ostern folgt zu Weihnachten das Weihnachtsoratorium." so die Produktbeschreibung.
Im Interview sagt Chailly, er lasse sich bei seinem jeweiligen Engagement tief in die lokale Musikscene ein, er sei ein "Treuer".
Nun wird man nicht zum Bach-Spezialist, weil man drei Werke von ihm aufnimmt?
Muss man Bach-Spezialist sein, um eine gute Aufnahme dieses Werkes zu machen ? Theoretisch würde ich diese Frage verneinen. Ein grosser Musiker kann sich einem grossen Werk stellen und eine tief bewegende Interpretation vorführen. Aber wirklich erlebt habe ich dies bei der Matthäus-Passion bisher nicht.Ein Karajan, ein Furtwängler, ein Jochum oder Mengelberg haben allesamt Interpretationen vorgelegt, die ich weniger goutiere.
Bei einem Rilling auf der anderen Seite merkt an, wie sehr ihn dieses Werk beschäftigt hat ( selbst dann, wenn man seinen Interpretationsansatz nicht übermässig schätzt)
Ist es eine Aufnahme, auf die man gewartet hat ? Diese Frage ist mit einem eindeutigen "Nein" zu beantworten. Man bekommt eine Leipziger Lesart, aus dem Jahr 2009,präsentiert, aber keine Aufnahme mit Referenzstatus.
Weder Interpretation noch Interpreten sind maßstäblich. Chailly mischt sehr bekannte Namen, wie Quasthoff mit eher unbekannten wie Chum oder Landshamer.
Keine der Interpreten ist schlecht, aber eben nicht maßstabsetzend. Selbst Thomas Quasthoff gefiel mir bei Rilling (1994) besser. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass ich den etwas "opernhaften" Zugang von Chailly bei diesem Werk nicht schätze. Schon der Eingangschor zeigt, hier wird eine sehr emotionale Interpretation angestrebt. Das innige der Passion, das mögliche Schlichte, tief zu Herzen gehende, wird dadurch vernachlässigt. Es kommt mir eher vor, wie Darstellung einer Partie, als eine besondere Art des Gottes-Dienstes.
Mir ist diese Darstellung zu theatralisch. Das gilt auch die Rolle des Jesus. Müller-Brachmann kann dies und wird andernorts dafür gelobt."But by his side was the Christus of Hanno Müller-Brachman, far and away the most moving that I have heard, or for that matter seen. He lived through his ordeal and took us with him, singing with a natural expressiveness, using a voice of incredible beauty and evenness. To have him balanced by the sublime smoothness of Thomas Quasthoff's bass-baritone soloist was a luxury which by the end had become an addictive necessity."offensichtlich eine Zeitungskritik von einer Tournee 2009.
Fischer-Dieskau gelegentlich, eher noch Hermann Prey, gelang eine sehr schlichte Darstellung der Partie,mir fällt noch Max van Egmond ein, eingebettet in eine "schlicht-innige" Interpretation von Leonhardt ( er stellte seinerzeit Bach in dem "Kultfilm" von Jean Marie Straub dar, wo dieses Konzept ebenfalls verfolgt wurde. Eine gottesfürchtiger Komponist ohne jede Pose)
Dieser Zugang von Chailly zur Passion überzeugt mich weniger. Hinzu kommt, dass die Stimmen, wie bereits beschrieben, alle sehr gut anhörbar sind, aber es für alle Partien überzeugendere Varianten gibt. Darstellungen ,die derjenigen einer Elly Ameling, einer Christa Ludwig oder eines Peter Schreier entsprechen,fehlen hier. Selbst der Weltstar Thomas Quasthoff ist an anderen Grössen, die diese Partie gesungen haben, zu messen. Mir gefällt Fischer-Dieskau, 1959, mit Richter und seinem perfekten Bach-Gesang, einfach besser.
Bei der Überfülle von Aufnahmen stellt sich heute immer die Frage, warum diese auch noch ? Kann sie mir irgendetwas zeigen , was ich nicht kenne, was ich nicht besser kenne ? Oder ist es nur der Wunsch des Interpreten, dieses Werk einmal eingespielt zu haben. Ich räume ein, dass es bei diesem Werk sehr schwierig ist, neue Sichtweisen zu präsentieren. Selbst wenn ich den Vergleich mit so vielen Aufnahmen ein wenig zurückstelle, mich nur frage, gefällt mir diese Aufnahme, bin ich sehr zögerlich.
Mein Fazit: diese neue Aufnahme der Matthäus-Passion überzeugt mich nicht sonderlich.