Die Matthäus-Passion als hochaktuelles Werk. Dies kann nur gelingen, wenn man sich von altbackenen Vorstellungen freimacht und das Werk durch eine moderne Brille betrachtet.
Diese Aufnahme würde auch Denjenigen ans Herz legen, die weder ihre Musikkenntnisse bestätigt haben wollen, noch unbedingt die religiöse Beglückung suchen, sondern Freude an schöner Musik und sehr guten InterpretInnen haben.
Mögen die Connaisseure über einzelne technische und historische Aspekte die Nase rümpfen: hier wurde ein großes Werk entstaubt und in die Moderne gehoben. Das Gesamtbild, der Puls dieser Einspielung stimmen einfach, da kann man nicht meckern. Wie fast immer bei Herreweghe, sind die Chören und die Instrumentalisten ausgezeichnet.
Bei dieser Einspielung ragen aber die Solisten ganz besonders heraus: selten wird man durch eine derartig glücklich zusammengesetzte Gruppe überrascht. Jede Arie wird ihrem Charakter angemessen interpretiert. Denn früher trugen die einzelnen Stimmfarben ja eine religiöse Botschaft, also kann man nicht alles über einen Kamm scheren.
Ian Bostridge als dauerpräsenter Evangelist ist klasse, weil er den Text nicht nur heruntersingt, sondern an den richtigen Stellen Akzente setzt und somit für einen lebendigen Vortrag sorgt. Als weiteres Beispiel seien einige besonders schöne Arien genannt (aus dem Mittelteil herausgegriffen):
- die Sopranistin (Sibylla Rubens,) ganz exquisit in *Aus Liebe will mein Heiland sterben*.
- der Baß (Dietrich Henschel) mit selten expressiver Wucht in *Gebt mir meinen Jesum wieder* - richtig mitreißend, man mag mitsingen.
- der Tenor (Werner Güra) mit berührender Zurückhaltung in *Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille* und
- die Superstimme Andreas Scholl in den Alt-Arien *Erbarme Dich* und *können Tränen meiner Wangen*.