Ich bin ein Fan von Banks' Kultur-Romanen; sie bilden für mich gewisserweise den Maßstab für Science-Fiction, und die gebundenen Erstausgaben haben einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal. 'Matter' finde ich leider relativ enttäuschend, zumindest im Vergleich zu den Vorgängern.
Dabei hat das Buch eine Menge positiver Aspekte: Die detailliert beschriebene 'Schalenwelt' bildet einen interessanten Hintergrund. Ihre vorindustriellen Bewohner sind zwar Laborratten der weiter entwickelten Zivilisationen, doch im Vergleich zu den ähnlich primitiven Völkern aus 'Inversions' sind sich die Sarl und Deldeyn aus 'Matter' ihrer Stellung als kleine Rädchen recht gut bewusst und benutzen ihrerseits ihre überlegenen(?) Mentoren für ihre eigenen Zwecke.
Wir begegnen uralten Artefakte von mysteriösen Sternenimperien früherer Zeitalter, deren Motivationen auch für die Kultur unverständlich sind und die eventuell noch immer eine Bedrohung darstellen - viele Fragen bleiben hier offen, und wem die Monolithen aus '2001' oder Lovecrafts Cthulhu-Mythos gefallen, der könnte auch an den Involucra und den Iln aus 'Matter' seine Freude haben.
Auch erfahren wir etwas über den Umgang der Kultur mit ihr ebenbürtigen Spezies, ein bislang wenig behandeltes Thema.
Letzteres sehe ich zugleich aber als großen Nachteil, denn 'Matter' wirkt oft revisionistisch gegenüber den früheren Kultur-Romanen. Bislang hatte man den Eindruck, dass der Konflikt mit den Idirern im ersten Roman 'Consider Phlebas' das letzte Mal war, dass die Kultur sich ernsthaft mit einem vergleichbar weit entwickelten Volk hatte befassen müssen, und sie seither relativ entspannt in ihrer technischen Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt vor sich hin lebten und sich hier und da einmischten, wenn es ihnen Spaß machte. Doch nun haben wir mit dem Morthanveld-Imperium eine Zivilisation, die viel älter und größer ist und sich auch gerne überall einmischt. Für die Zukunft der Kultur-Romane mag das nützlich sein, da sich nun die Möglichkeit für größere Konflikte eröffnet, doch man muss sich schon fragen, wo die Morthanveld in 'Consider Phlebas' waren. Oder was die alten Homomda (die angeblich gerne andere Völker gegeneinander ausspielen, bevor sie zu mächtig werden) von den Morthanveld halten. Oder warum die Kultur als ungewöhnlich gilt, weil sie nach zehntausend Jahren immer noch mit Raumschiffen herumfliegt und noch nicht wie frühere Zivilisationen irgendwann vom materiellen Universum in eine 'höhere Existenzebene' gewechselt ist, wenn die Morthanveld seit einer halben Million Jahren dasselbe machen.
Insofern zerrüttet 'Matter' meiner Meinung nach den Kultur-Zyklus, der bisher konsistent war und mit 'Look to Windward' einen guten Abschluss hätte finden können.
Dazu kommt, dass der Hintergrund im neuen Roman zwar interessant ist, die Handlung aber für meinen Geschmack oft nicht viel Spannung hergibt. Die lange und gemächliche Reise von Frodo und Sam... äh, Ferbin und Holse zieht sich ganz schön hin, und viele Zwischenstopps scheinen nur dazu zu dienen, eine weitere bizarre Umgebung illustrieren zu können. Der Tempowechsel auf den letzten 100 Seiten ist da sehr willkommen, auch wenn er etwas abrupt wirkt.
Das Buch hat einen lexikonartigen Appendix, der zum Verständnis der Handlung völlig unnötig ist und sich sehr langweilig liest, wenn man ihn sich zum Schluss der Reihe nach vornimmt. Ich habe fast den Eindruck, der Appendix dient nur dazu, das Ende des Romans überraschender zu machen, da es so 20 Seiten früher kommt, als man es von den Seitenzahlen her vermutet hätte. :-) Nicht überraschen sollte den Leser, dass wie wie bei fast allen Romamen von Banks eine ausführliche Charakterbeschreibung keine Lebensversicherung für die Romanfigur darstellt; das individuelle Ende kommt oft schnell und unerwartet - aber nicht immer.
Abschließend sehe ich 'Matter' als den schlechtesten Kultur-Roman, womit das Buch immer noch besser ist als viele andere. Man sollte beim Lesen der Reihe nicht unbedingt hiermit beginnen, da es nicht sehr repräsentativ für den Kultur-Zyklus ist, sondern eher eine Erweiterung und neue Richtung bildet.