Ich habe die Ausgabe von 1998 gelesen. Es beruht auf einer dreiwöchigen Forschungsreise im Frühjahr 1993. Es wurde unternommen zur Bestätigung von 30 Jahren Matriarchatstheorie. Das macht die Sache nicht ganz unvoreingenommen. In den Interviews und Kommentaren wird denn auch ein Spagat zwischen ethnologischer Wissenschaft, Matriarchatstheoriebefangenheit und Privatleben der reisenden Frauen deutlich. Was natürlich auch positive Effekte haben kann. Das Team bestand nur aus Frauen, gerade der Übersetzer ausgerechnet nicht. Übersetzt wurde gelegentlich über vier Ecken (Deutsch, Englisch, Han-Chinesisch, lokale Sprachen). Dabei kann viel verloren gehen, vor allem bei Konzepten, die nicht übersetzbar sind. Davor warnt auch ausdrücklich der chinesische Ethnologe und Autor von
A Society Without Fathers or Husbands: The Na of China, welches bei Englischkenntnissen (oder im Französischen Original) unbedingt zu diesem Buch für ein vertiefendes Verständnis gelesen werden sollte. Dieses Buch der Feministinnen hier hat dagegen den Vorteil von eben Feministinnen geschrieben worden zu sein. Es beinhaltet 20 Schwarzweiß und 22 Farbfotos.
Keine Väter, keine Ehemänner, keine ewigen Beziehungen, keine Gewalt, Volljährigkeit mit 13 und warum auch immer niemals Schwierigkeiten bei der Entbindung sind alles faszinierende Konzepte, die die Menschen in diesem Matriarchat natürlich glücklicher machen. Auch das eigennützige Frauen kein "Amt" in der Familie bekommen, sondern gerecht für alle sein müssen, davon könnten sich westliche Frauen, die es im Patriarchat an die Macht geschafft haben, ein paar Scheiben abschneiden.
Deswegen ist dieses Buch und andere über dieses Matriarchat der sogenannten Mosuo / Moso sehr lesenswert. Übrigens nennen sie sich selbst durchaus Na (nicht Naxi), was in diesem Buch nicht vermittelt wird, obwohl über ihre Eigenbezeichnung nachgegrübelt wird.
Andererseits bleibt dieses Buch den Umständen seiner Entstehung gemäß stellenweise sehr oberflächlich. Der Stil aus Interviews und Kommentaren mag auch nicht alle vollends ansprechen.
Bedenklich fand ich - ganz besonders aus der Feder DEUTSCHER Feministinnen - rassistische Gedankengänge. Zwar werden die Moso/Na gelobt, aber das macht die Sache keineswegs besser. Denn für diese Art Lob drängt sich das Gegenteil geradezu auf: Edele Gesichtszüge hätten sie, dank ihrer markanten, schön geformten Nasen, die weder zu lang noch zu flach seien. Die Autorin scheint nasenzentrisch zu sein. Später schreibt sie wieder, dass sie hoch angesetzt, gerade, fein und schmal seien. Was ist denn NICHT edel? NICHT fein? NICHT schön? ZU lang? ZU flach? Sorry, so etwas geht nach dem (direkten) Kolonialzeitalter, nach 1945 GAR NICHT. Sie benutzt auch oft die Vokabel "parasitär" für unliebsame Menschengruppen. Egal wie berechtigt eine Kritik an z.B. der Oberschicht sein mag, so eine Sprache lässt bei häufigem Gebrauch tief blicken. (Die Hierarchie vor Ort hat die Autorin entweder nicht ganz erfasst oder nicht richtig vermittelt, siehe das zuvorgenannte Buch.) Parasitär seien auch religiöse Männer, die nicht selbst Lebensmittel anbauen.
Auf gut neu-deutsch anti-religiös kann sie die Religion der Na/Mosuo nicht wirklich vermitteln, wenn sie komplett voreingenommen ist. Das schlägt sich bereits in ihrem abwertenden Vokabular nieder: "Brimborium, das die Leute so beeindruckt".
Außerdem ist ihr Verständnis von Feminismus ein anti-männliches. Auch das ist gerade NICHT das matriarchale Verständnis der Na/Moso. Frau (und man) vergleiche z.B. die Interviews, die mit Frauen und die mit Männern geführt werden. Obwohl die Männer hier nun wirklich keine Unterdrücker sind, wir befinden uns schließlich im Matriarchat, ist die Freundlichkeit eine ganz andere, je nachdem, wer interviewt wird. Allein schon die überschwengliche Bedankung für das Interview bei Frauen fällt bei Männern praktisch weg.
Eine der Teammitfrauen ist besonders am Thema Lesben interessiert. Der eine befragte Haushalt weiß angeblich nicht, was das ist - nach den Worten des chinesischen Übersetzers. Nach DIESEM EINEM Haushalt, dem sie zu diesem Thema EINE EINZIGE Frage gestellt hat, versteigt sich die Autorin tatsächlich in einer gesamtgesellschaftlichen Theorie. Das ist, ähm, sagen wir mal salopp: unwissenschaftlich. Und weil diese Theorie so schön ist, sei sie hier zitiert: "Vielleicht haben gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen in einer Gesellschaftsform, in welcher Erotik nicht tabuisiert und Zärtlichkeit nicht durch Berührungsängste verhindert werden, nicht unbedingt eine Funktion." Es ist doch immer wieder erstaunlich, welche Gedankengänge WissenchaftlerInnen wagen zu Papier zu bringen... Zu solchen und anderen verwegenden Theorien lese (auf Englisch)
Biological Exuberance: Animal Homosexuality and Natural Diversity (Stonewall Inn Editions).
Warum WestlerInnen (auch FeministInnen) mit Matriarchaten oftmals nur schwer etwas Authentisches anfangen können, lese
Return to the African Mother Principle of Male and Female Equality: 001.
Eine wunderbare Autobiografie auf Deutsch übersetzt über das Leben einer außergewöhnlichen Moso-Frau lese
Das Land der Töchter: Eine Kindheit bei den Moso, wo die Welt den Frauen gehört.
Über ein Matriarchat in Mexiko lese
Juchitan. Stadt der Frauen. Vom Leben im Matriarchat..