Ein großer französischer Roman über die Liebe in den Zeiten des Krieges.
Sieben Sommer lang sucht die junge Mathilde Donnay ihren im Krieg zum Tode verurteilten und seitdem verschollenen Geliebten. Zart, zerbrechlich, aber zugleich auch mit kriminalistischem Verstand begabt, macht sie sich auf in ein Labyrinth von Wissen und Verleugnung, in dem einzig ein Foto und ein paar verschlüsselte Briefe ihr roter Faden sind.
Der preisgekrönte und in 16 Sprachen übersetzte Roman von Sébastien Japrisot liefert die Filmvorlage. Der französische Romancier erzählt in berührenden poetischen Bildern eine der ergreifendsten Liebesgeschichten vor dem dramatischen Hintergrund des Ersten Weltkrieges. Selten ist ein Buch großer Gefühle so unsentimental, ja beinahe verwegen erzählt worden.
Die erschütternde Geschichte wurde in Starbesetzung verfilmt von Jean-Pierre Jeunet (»Delicatessen«), mit Audrey Tautou (»Die fabelhafte Welt der Amélie«) in der Hauptrolle das internationale Kinoereignis des Jahres 2005.
Ab 27.01.05 läuft der Film »Mathilde, eine große Liebe« in den deutschen Kinos. Audrey Tautou, die schon als Darstellerin der Amélie in "Die fabelhafte Welt der Amélie« das Publikum bezauberte, wird die Cineasten auch in der Rolle der Mathilde begeistern.
Pressestimmen: »Den berühmten Liebespaaren der Weltliteratur sind ab jetzt Mathilde und Manech hinzuzufügen.« Der Tagesspiegel
»Ein erstrangiger, überaus fesselnder Roman und eine Liebesgeschichte, die dem Leser das Herz bricht.« The Independent, London
"Lange nicht mehr Tränen in den Augen gehabt beim lesen einer Liebesgeschichte? Lange nicht mehr verblüfft gewesen vom Einfallsreichtum eines Romanciers, von der Leichtigkeit im Zeichnen von Menschen, von der Fähigkeit eines Autors, eine Handlung in Gang zu setzen, wie eine komplizierte Spieluhr, der wir gefesselt bis zum letzten Klang lauschen? Hier ist das Buch!" Neue Ruhr Zeitung (29.03.1996)
"Japrisot hat einen philosophischen Roman mit der Spannung eines Thrillers geschrieben." Berliner Morgenpost (21.07.1996)
"Japrisots Roman ist eine leise sarkastischer Kriegsroman, eine anrührende Liebesgeschichte - und eine der originellsten Variationen von Detektivarbeit der letzten Jahre." Stuttgarter Zeitung (08.11.1996)
"Das ist große, eindringlich mahnende pazifistische Literatur, durchaus an Henri Barbusse meßbar." Süddeutsche Zeitung (21.09.1996)
Leseprobe: "Mit Vornamen hieß er Jean, aber seine Mutter und alle anderen zu Hause nannten ihn Manech. Im Krieg hieß er nur Bleuet. Die Rekrutierungsnummer auf dem Armband an seinem unversehrten Handgelenk lautete 9692, von einem Rekrutierungsbüro im Departement Landes. Er war in Cap-Breton geboren, von wo aus man Biarritz sehen kann, aber in den Armeen der Republik hatte keiner viel Ahnung von Geographie. Die aus seiner Abteilung glaubten, er komme aus der Bretagne. Er hatte es schon am ersten Tag aufgegeben, ihnen den Irrtum auszureden. Er war nicht aufdringlich, nahm sich zurück, um sinnlose Diskussionen zu vermeiden, und fuhr letzten Endes gut dabei: Wenn er mit seiner Ausrüstung oder den Gewehrteilen nicht klarkam, fand er immer einen Ersatzvater, der ihm half, sich zurechtzufinden, und im Schützengraben verlangte außer dem Unteroffizier, der ihn nicht leiden konnte, niemand etwas anderes von ihm als in Deckung zu bleiben und auf den Draht zu achten. Aber da war die Angst, die sein ganzes Wesen durchdrungen hatte, die Vorahnung, daß er nie nach Hause zurückkehren würde, ein Urlaub, den man ihm versprochen hatte, auf den er aber nicht mehr hoffte, und dann war da Mathilde. Im September war er, um Mathilde wiederzusehen, dem Rat eines gewissen Marie-Louise gefolgt, so lautete der Spitzname der im Jahr 15 Eingezogenen, der fast ein Jahr älter war als er. Er hatte eine in Pikrinsäure getränkte Fleischfrikadelle gegessen und sich die Seele aus dem Leib gekotzt, aber inzwischen konnte jeder Kommißkopf eine Gelbsucht erkennen, bevor er noch lesen lernte, und so war er zum erstenmal vor das Kriegsgericht zitiert worden, das seines Bataillons. Wegen seiner Jugend hatten sie ihn dort mit Nachsicht behandelt; zwei Monate auf Bewährung, aber keinen Fronturlaub mehr, außer es würde ihm gelingen, Kaiser Wilhelm persönlich gefangenzunehmen. Dann, im November, es war vor Péronne, zehn Tage ohne Unterlaß hatte er die Beschimpfungen des verfluchten Sergeanten über sich ergehen lassen müssen, und dann Regen, Regen, Regen. Er konnte nicht mehr, und so hatte er auf einen anderen Marie-Louise gehört, der noch schlauer war als der erste. Eines Nachts, als er Wache schob, die Kanonade war fern und der Himmel tiefschwarz, hatte er, der Nichtraucher, eine englische Zigarette angezündet, weil die nicht so leicht ausgeht wie eine dunkle, dann hatte er seine rechte Hand über den Grabenwall erhoben, die Finger schützend über den kleinen roten Schimmer gebreitet. So war er lange Zeit geblieben, den Arm in die Luft gestreckt, das Gesicht gegen die nasse Erde gedrückt, und er hatte zu Gott gebetet, wenn es ihn noch gab, er möge ihm die geeignete Verletzung verschaffen. Der Regen war stärker gewesen als der kleine rote Schein, da hatte er es mit einer neuen Zigarette versucht, und mit noch einer, bis ein Kerl von gegenüber durch das Fernglas blickte und begriff, was er wollte. Es muß wohl ein guter Schütze gewesen sein, oder die Deutschen, die ebenso verständig waren wie die Franzosen, hatten einen geholt, jedenfalls reichte eine Kugel. Sie riß ihm die Hälfte der Hand weg, den Rest hatte der Arzt entfernt. Zur Krönung allen Unglücks hatte, als der Schuß losging, der weder die beunruhigte, die ihre schwere Arbeit machten, noch die anderen weckte, gerade der Sergeant nicht geschlafen. Er schlief nie, der Sergeant. An jenem feuchten, frühen Morgen hatten alle Männer, selbst die Hauptleute, selbst die Sanitäter, die mit der Trage herbeigeeilt waren übrigens umsonst, denn der Verletzte konnte noch gehen , den Sergeanten angefleht, einen Strich unter die Geschichte zu ziehen, aber der wollte nichts davon hören. Mit dem Akzent eines Dickschädels aus dem Aveyron und mit Tränen der Wut in den Augen sagte er: »Haltet das Maul! Verflucht noch mal, haltet das Maul! Wo käme ich hin, wenn ich solche Sachen durchgehen ließe? Und wenn alle es machen wie dieses kleine Schwein, wer hält dann die Stellung? Wer hält dann die Stellung?«
Bleuet kam zum zweitenmal vors Kriegsgericht, diesmal beim Armeekorps, sie verteidigten ihn, so gut es ging. Er habe noch Glück gehabt, sagten sie ihm, daß es die Standgerichte nicht mehr gebe, sonst wäre er auf der Stelle erschossen worden. Der Ankläger hatte von Amts wegen einen Anwalt aus Levallois, einen Artilleriehauptmann, zum Pflichtverteidiger bestimmt, für ihn und drei seiner Altersgruppe. Er war ein tapferer Mann, der schon einen Sohn bei Eparges verloren hatte und laut dachte, es reiche jetzt. Bei drei Leuten hatte er Erfolg, beim vierten nicht. Nicht bei einem wie ihm, der schon wieder durch Feigheit aufgefallen war, ein so verderbliches Beispiel, durch das sämtliche Rekruten einer Division angesteckt werden konnten. Keiner der Richter hatte sein Gnadengesuch unterzeichnen wollen. Die Schmerzen der Menschen bewegen sich manchmal, wenn sie zu groß werden, schneller auf das Nichts zu als die Menschen selbst. Nachdem er den Urteilsspruch wie einen Keulenhieb empfangen hatte und im Dunkel eines Viehwaggons lag, um zusammen mit vierzehn anderen wer weiß wohin verschleppt zu werden, war in Bleuet langsam etwas aufgebrochen wie ein scheußlicher Abszeß, und seitdem wußte er, außer manchmal in einem kurzen Aufflackern des Verstandes, nicht mehr, was ihn ums Leben brachte der Krieg, sein Arm ohne Hand, das Schweigen der Männer an seinem Weg oder all diese Blicke, die sich von dem seinen abwandten, weil der so gehorsam, so vertrauensvoll, einfach unerträglich war und sein Lächeln so starr wie das eines geisteskranken Kindes. Er lächelte auf ganz seltsame Art, dieser letzte der fünf Soldaten, die bestraft werden sollten, er hatte blaue Augen und schwarzes Haar, hervorspringende Backenknochen, aber kaum einen Bart. Daß er noch so jung war, half ihm auch; es war weniger mühsam für ihn, durch die überfluteten Gräben zu laufen, als für seine Kameraden. Im Gegenteil, er empfand ein animalisches Vergnügen dabei, tief in den Schlamm einzusinken, die kalte Luft auf dem Gesicht und in den Ohren die Schreie und das Lachen der Abende von früher: Er kam aus der Schule, ging über den Dünenweg zwischen dem See und dem Ozean nach Hause, in jenem seltsamen Winter hatte es überall geschneit, er wußte, daß Kiki, der Hund, ihm im Licht der untergehenden Sonne entgegenlief, er hatte Hunger und freute sich auf ein Honigbrot und eine große Schale Kakao. Irgendwo sagte jemand, Vorsicht, der Draht. Mathilde weiß nicht, ob Manech sie gehört hat im Lärm ihrer Kindheit, im Getöse der großen Wellen, in denen sie mit zwölf, mit fünfzehn Jahren tauchte und sich an ihm festhielt. Als sie zum erstenmal miteinander schliefen, war sie sechzehn, es war an einem Nachmittag im April, und sie schworen einander, zu heiraten, wenn er aus dem Krieg käme. Als sie ihr sagten, er sei verloren, war sie siebzehn. Sie weinte sehr, weil die Verzweiflung etwas Weibliches ist, aber nicht mehr als nötig, denn Hartnäckigkeit ist es ebenso. Da war immer noch dieser Draht, an den brüchigen Stellen mit allem möglichen geflickt, er schlängelte sich an allen Gräben entlang durch alle Winter, oben und unten im Schützengraben, durch sämtliche Linien, bis zum düsteren Unterstand eines düsteren Hauptmanns, um verbrecherische Befehle dorthin zu tragen. Mathilde hat den Draht ergriffen und hat ihn noch in der Hand. Er führt sie durch das Labyrinth, aus dem Manech nicht zurückgekehrt ist. Nie verliert sie den Mut. Je mehr Zeit vergeht, desto stärker wird ihre Zuversicht, und auch ihre Aufmerksamkeit. Mathilde hat ein glückliches Naturell. Sie sagt sich, wenn der Draht sie nicht zu ihrem Liebsten führt, kann sie sich ja immer noch daran aufhängen."