Zunächst vorweggenommen: Dies ist wohl nicht das größte Meisterwerk von Fontane und erreicht etwa die "Effi Briest" nicht wirklich.
Und dennoch ist es eine Freude, die "Mathilde Möhring" zu lesen. Man verschlingt dieses Buch in wenigen Stunden - mir zumindest ist es so gegangen.
Die Verhältnisse scheinen gerade umgekehrt wie bei "Effi Briest". Während dort Effi unter den gesellschaftlichen Zwängen, der Tristesse von Kessin und der Karrieresucht Innstettens leidet (obgleich sie selbst daran ja nicht uninteressiert ist und hoch hinaus will), geht es hier um eine soziale Aufsteigerin, die Zwischenvermieterstochter Mathilde, wohnhaft im dritten Stock, anständig, aber streng mit sich und eigentlich gefühlskalt.
Hugo, zunächst der Untermieter, ein Student des Rechts, später nach überstandener Krankheit mit ihr verheiratet, pfelgt hingegen andere Träume: von der Schauspielerei, er zieht Schiller oder Ibsen den trockenen Studien vor, von Theaterabenden oder etwa von Varietévorstellungen der "Tochter der Luft" (eine Bezeichnung, die wir für Effi kennen).
Nun kommt es also zur Ehe der beiden - dies ergibt sich eher als es gewünscht ist, - oder Hugo ist einfach zu schwach selbst zu erkennen, wohin er hinaus will - und in wenigen Zügen wird immer deutlicher, wie sehr sich beide unterscheiden. Es gelingt nun Mathilde endgültig, dass sie Oberhand über das Leben ihres Mannes gewinnt. Der Stein ist also ins Rollen gebracht - oder Hugo auf das Eis, was schließlich noch eine wichtige Funtkion einnimmt.
Beeindruckend scheint mir an diesem kurzen Roman, wie hier eine eigentlich sehr komplexe menschliche Beziehung in nur sehr wenigen Zügen dargestellt wird. Fontane ist ein so genauer Beobachter, dass er den Naturalismus überhaupt nicht nötig hat. In einfachen Situationen macht er ganze gesellschaftliche Zusammenhänge klar, etwa wenn von einem geputzten Messingschild an der Tür der Schultzes, der wohlhabenden Vermieter der Möhrings, oder von despiktierlichen Blicken aus Wohnungsfenstern, einer weihnachtlichen Gesellschaft, von der alten und jungen Runtschen die Rede ist - oder wenn man einfach den Protagonisten zuhört, besonders der rechtschaffen-einfachen alten Möhring.
Das ganze Programm steht bereits auf der ersten Seite fest durch das letzte Wort, das Möhring Vater an seine Tochter gerichtet hat: "Mathilde, halte dich propper."
Ob ihr das gelingt, das möge der Leser am Ende selbst entscheiden. Ob man Sympathie für sie empfindet oder nicht, das ist ebenso unentschieden. Aber gerade dies macht "Mathilde Möhring" für mich zu einer hichinteressanten literarischen Gestalt.