Aus der Amazon.de-Redaktion
"Nicht schon wieder ein Roman von einem jungen Journalisten", möchte man nach Überfliegen des Klappentextes aufstöhnen. Doch schon der erste Satz nimmt den Leser gefangen, und zum Schluss steht fest: Nicol Ljubics Debütroman
Mathildas Himmel ist eine der Entdeckungen dieses Bücherjahres.
"Als Mathilda den Himmel malen mußte, damals im ersten Schuljahr, verwendete sie so viel schwarze Farbe, daß ihr Himmel der letzte war, der trocknete. Ihre Lehrerin weigerte sich, Mathildas Himmel an die Wand zu hängen, weil er die Kraft eines Gewitters hatte, das überzugreifen drohte auf die fröhlich blauen Himmel der anderen Kinder."
Als der Mann, den sie stets für ihren Erzeuger gehalten hat, Mathilda an ihrem 18. Geburtstag eröffnet, er sei gar nicht ihr leiblicher Vater, bricht eine Welt für sie zusammen. In einer Kurzschlussreaktion packt Mathilda ihre Sachen und zieht von Zuhause aus. Sie verlässt das kleine Dachzimmer, das ihr stets als Refugium gedient hat, von dem aus sie aber immer nur einen Ausschnitt des Himmels gesehen hat. Das bedrohliche Schwarz auf dem Kinderbild -- das waren nicht etwa Gewitterwolken: Was die kleine Mathilda darstellen wollte, war die Dachschräge. Für sie war der Himmel immer nur ein kleines blaues Rechteck, und das Dachfenster der Rahmen.
Ljubic unterlässt es zum Glück, mit diesem Sinnbild einer eingeschränkten Sicht auf die Welt allzu aufdringlich zu hantieren, und vertraut stattdessen ganz auf seine Geschichte, die er behutsam und unspektakulär entwickelt. Erst im Epilog, als Mathilda ein weiteres Mal ihre Sachen packt -- diesmal wohl für immer -- taucht das Himmelsmotiv wieder auf. "Sie schaute hinaus, das Bild in der Hand, und der Himmel hatte eine Weite, die sie liegend nie hatte sehen können. Es war nur ein Schritt, ein Aufstehen, das dem Himmel seine Unendlichkeit zurückgab." Mathilda bricht in ein neues Leben auf, aber diesmal nicht, um vor ihrem alten Leben davon zu laufen. Das Bild, mit dem alles anfing, nimmt sie nämlich mit.
Eher zufällig hatte Mathilda zuvor erfahren, dass ihr Vater -- von dem sie durchgängig in der dritten Person spricht -- einen Schlaganfall erlitten hat. Erst da gelingt es ihr, in ihm einen Menschen mit all seinen Schwächen zu sehen und nicht nur den zu bekämpfenden Antipoden. Im selben Moment, als ihr das klar wird, kann sie sich wirklich neu erfinden: nämlich ohne sich reflexhaft abgrenzen zu müssen.
Die Reife und Beobachtungsgabe, mit der sich der junge Autor seinem Thema nähert, ist beeindruckend. Auf dem schmalen Grat zwischen distanzierter Erzählhaltung und Einfühlungsvermögen sicher balancierend, gelingt es Ljubic, die in ihrer Alltäglichkeit banale Geschichte einer Ablösung vom Elternhaus nebst Rebellion gegen die Zumutungen des genormten Lebens in eine Studie der deutschen Kleinfamilie münden zu lassen, die gerade durch ihre Lakonik berührt. --Axel Henrici
Kurzbeschreibung
Es sei an der Zeit, einige Dinge zu tun, die ihr Vater nie geduldet hätte, sagt Mathilda zu ihrer besten Freundin. Julia ist die einzige, mit der sie noch Kontakt hält, seit sie an dem Morgen nach ihrem achtzehnten Geburtstag wortlos das Haus ihrer Eltern verlassen hat - verletzt von der Mitteilung ihres Vaters, daß sie nicht seine Tochter ist. Die Wochen und Monate nach ihrer Flucht in die Großstadt Hamburg sind bestimmt von dem Willen, die Wunde ihrer Biografie zu schließen: mit Sex, mit Euphorie und Schmerz, mit Neugier, Trotz und Wut - auch über ihren Adoptivvater. Alles, was sie unternimmt, soll ihn verletzen: die erotischen Spiele mit Lukas, einem Kollegen aus dem Restaurant, während sie den verliebten Daniel ignoriert. Ihr ärmliches Zimmer bei Frau Jeske, deren Geschichten aus einem traurigen Leben sie lauscht. Die kleinen Aushilfsjobs, mit denen sie ihr Leben finanziert. Doch je länger Mathilda weg ist, desto blasser wird der Schmerz der Erinnerung. Nachdem sie mit Julia quer durch Europa gereist ist, kehrt sie für kurze Zeit nach Hause zurück - um schließlich für immer gehen zu können. Mit kühlem, klaren Blick und leiser, sinnlicher Sprache erzählt der Autor die Geschichte einer Selbstfindung, die in ihren größten Momenten einer poetischen Wahrheit gehorcht, über die man immer wieder staunen, der man sich aber nicht entziehen kann.