Fotos in Schwarz/Weiss sind meist soviel intensiver als ihre vielfarbigen Pendants, weil sie den bunten Nebensächlichkeiten die Aufmerksamkeit verweigern. Alles, was durch farbenfrohe Grellheit vom Wesentlichen ablenken will, wird in Schwarz/Weiss zurückgesetzt und wieder das was es ist, unwichtig, und der Blick wird frei für das eigentliche Motiv des Bildes.
Das funktioniert optisch, funktioniert es aber auch akustisch? Kann man tatsächlich Schwarz/Weiss musizieren?
Jeder der jetzt an ein Unplugged-Album denkt, denkt zwar prinzipiell in die richtige Richtung, aber denkt noch nicht weit genug.
Mit "... in Schwarz/Weiss" hat Anna Depenbusch bis ganz zu Ende gedacht und vor allem noch viel weiter gefühlt. Herausgekommen ist eine wahre musikalische Perle. Der Unterschied in Wahrnehmung und Wirkung ist mindestens so evident wie der Unterschied zwischen Fotos in Farben und Fotos in S/W. Die Lieder klingen nur am Klavier begleitet vollkommen anders und wichtiger noch, sie wirken vollkommen anders.
Besser oder schlechter, das wären hier nicht die richtigen Kategorien. Einen Menschen kann man sowohl in Farbe und in S/W portraitieren und mit beiden Techniken, können eindrucksvolle Bilder entstehen.
So ist "Die Mathematik der Anna Depenbusch in Schwarz-Weiss" auf keinen Fall einfach nur ein Anhängsel des "bunten" Albums, was Anfang des Jahres erschien. Keines der beiden Alben macht das andere unnötig.
Auch wenn auf dem neuen S/W-Album, bis auf "Das Lied vom Kuss", alle Lieder des bunten Albums auch vertreten sind, werden einem schon nach Hören des ersten Liedes der große Unterschied und die daraus folgende hohe Eigenständigkeit klar. Es ist so unaufdringlich intim, zart und intensiv und das bei einigen Liedern durchaus auch gleichzeitig, dass man magnetisiert einfach zuhören muß. Nebenbeihören unmöglich.
Man hört vom Klavier oftmals nicht nur die angeschlagenen Töne, sondern auch den Anschlag, die Mechanik, und Anna Depenbusch nicht nur singen, auch atmen. Das schafft eine Atmosphäre der Nähe, die den Hörer vollends einnimmt. Fast meint man sich im selben Raum mit Piano und Künstlerin zu befinden und wenn man sich die Fotos im Booklet so anschaut, wünscht man es sich nahezu... Ein wirklich schönes Klavier! ;-)
Ebenso wundervoll wie die reduzierten, nur am Klavier begleiteten Versionen der Lieder des bunten Albums, sind die zusätzlichen sechs kleinen Klavier-Stücke, die weit mehr sind als Füllwerk. Leider einzige S/W-Adaption von Anna Depenbuschs erstem Album "Ins Gesicht" ist das großartige "Heimat". Meinetwegen hätten vom Erstling gern noch einige Stücke mehr entfärbt werden können.
Und dann gibt es da noch ein Lied, eines was auf keinem der beiden bisherigen Alben war. Das einzige, was Anna Depenbusch nur zur Hälfte selbst schrieb, den Text nämlich, komponiert hat es Billy Joel. Eines meiner ewigen Lieblingslieder - "She's always a woman" von seinem Album "The stranger" aus 1977. Anna Depenbusch textete darauf "Mann für mich".
Ich verehre Billy Joel zutiefst und bin daher immer sehr sehr skeptisch, wenn es jemand wagt ihn zu covern oder gar ins Deutsche zu übersetzen (ich erinnere z.B. eine grauenhafte übersetzte Version seines Klassikers "Leningrad" von Karsten Speck). Anna Depenbusch aber hat mit "Mann für mich" eine eigenständige, liebevolle Version geschaffen und kann sich damit selbstbewußt neben "She's always a woman" stellen.
Wäre alles gesagt? Nein.
Man kann Musik kaum mit Worten erklären und so wunderbare Musik wie diese, noch nicht einmal andeutungsweise.
Man kann nur seine Bewunderung und seine Faszination zum Ausdruck zu bringen versuchen.
Hören Sie selbst und schauen, denn eine gelungene DVD gehört auch noch zum Album.