Vor ungefähr 500 Jahren wurden im erzgebirgischen Annaberg musikalische Schätze für den Gottesdienstgebrauch gesammelt, die sich aus europäischen und wohl auch regionalen Komponistengrößen speisten und erst jetzt wiederentdeckt und -aufgeführt wurden. Von beidem gibt diese SACD einen hervorragenden Eindruck.
Als europäische Größe ersten Ranges gilt Jacob Obrecht, dessen Messe 'Sub tuum praesidium' den Mittelpunkt der Einspielung bildet. Dieses faszinierende Stimmengeflecht wird von den Sängern Gesine Adler, David Erler, Stephan Gähler, Matthias Gerchen und den Bläsern der "Capella de la Torre", Birgit Bahr, Annette Hils, Detlef Reimers und unter Leitung von Katharina Bäuml beeindruckend musikalisch gestaltet; die wechselnden Besetzungen sorgen immer wieder für neue Klangfarben. Die Durchsichtigkeit dieses kompakten Werkes bleibt jederzeit gewahrt.
Die weiteren Tracks auf der SACD gehören jedoch anonym gebliebenen Komponisten und deren Stücken für den liturgischen Gebrauch, in der Regel mit Bezug zum Fest der Heiligen Anna, der Überlieferung nach also der Mutter der Gottesmutter Maria. Daher heißt diese SACD auch 'Mater Matris Christi', und diese Vertonung bildet damit die große Klammer der Einspielung. Diese wunderbaren kleineren motettischen Werke lassen einen beeindruckenden Einblick in das Musizieren des frühen 16. Jahrhunderts zu, wobei wiederum alle Ausführenden, ergänzt von Sebastian Reim und Johannes G. Schmidt, musikalisch und technisch sehr überzeugend agieren. Diese Musik muss schweben, und hier beweist die 'Capella de la Torre', dass sie zu einem Spitzenensemble für Renaissancemusik zählt. Man versteht sich offensichtlich als Dienerin der Musik und zugleich als deren intelligenter Gestalter. Dieses Zusammenspiel in Ausdruck und Gestaltung, die gelungene Werkauswahl und die begeisternde Interpretation lassen für die Zukunft noch viel von diesem Ensemble erwarten.