Als Jay Reatard Anfang des Jahres beschloss, einfach alle sechs Wochen eine streng limitierte Single zu veröffentlichen, war vielleicht auch ein bisschen Kalkül dabei. Denn der 7-Inch geht es wieder prächtig. In Zeiten, in denen auf den meisten privaten digitalen Speichergeräten mehr Musik liegt, als man überhaupt hören kann, ist das Vinylstück wohl so etwas wie die Objekt gewordene Entschleunigung geworden. Es ist immer nur ein Song abspielbar, danach herrscht Ruhe, keine endlos Playlist, Stille. Vielleicht steht sie deswegen wieder so hoch im Kurs - abgesehen vom Vinylduft, von knarzigen Klang und dem Sammler-Erlebnis.
Jay Reatard veröffentlichte also fast im Monatstakt seine Singles, trotzte damit dem MP3-Musikerlebnis und scharrte eine ordentliche Entourage um sich. Denn seine kleinen runden schwarzen Dinger waren schnell vergriffen, wurden richtige Sammelobjekte. Mit "Singles 08" gibt es nun Reatards diesjährigen Output versammelt auf einem Langformat. Sechs Singles, jeweils A- und B-Seite, insgesamt also 12 Songs.
In minimaler Manier aber mit ordentlich Manie hangelt sich der 28-jährige von Single zu Single. Immer dabei: Garagenrock, Punk und Pop. Und mit diesen drei Song-Zutaten drängt sich natürlich ein Göttervergleich auf: Mit The Ramones. Auch die werkelten gerne garage-esk, gelten als US-Botschafter des Punk und poppige Melodien hatten fast alle ihrer Songs.
Doch Reatard macht die Oldschool-Variante von Pop-Punk nicht zum Bandereignis sondern zur One-Man-Show. Erst er und die Gitarre, dann die Melodie. Der Schmiss kommt dann ganz automatisch. Sein Rezept geht meistens auf. Auf seiner ersten Single "See/Saw" schnappt er sich die Klampfe und stampft gesanglich eher monoton los, während der Punk eher verhalten im Hintergrund lauert. "An Ugly Death"(Die B-Seite seiner zweiten Single "Painted Shut") versammelt um Reatards Gesang einen unschlagbaren Pop-Refrain und einem Chuck-Berry-Solo. Mit "Fluorescent Grey" wagt sich Reatard an ein Cover der Noise-Rocker Deerhunter aus Atlanta und entschlackt die Originalversion um etliche Lagen. Keine Wall-Of-Sound mehr, die einem die Sicht auf den Song versperrt. Die Deerhuter'sche Finesse des Originals geht zugunsten Reatards Ein-Mann-Programm flöten.
Reatards Retro-Moment ist künstlerisch vielleicht nicht einzigartig - Bands wie die Black Lips steuern durchaus in dieselbe Richtung, doch die Konstanz, die hier mit sechs Singles samt B-Seite vorliegt, ist durchaus beeindruckend. Einziger Schwachpunkt - und da wären wir vielleicht bei den Vorzügen von Singles - in geballter Form wirkt "Singles '08" wegen Reatards monotonem, relativ emotionsfreiem Gesang ein bisschen langatmig. Fast schon wünscht man sich den Moment des einzelnen Song, der 7-Inch, zurück. Nächstes Jahr soll das erste "richtige" Debütalbum kommen. Bis dahin, so ließ Reatard in einem Interview verlauten, soll es auch weiterhin Singles geben. Gut so.
Heiko Reusch