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Die Kritik an der deutschen Germaniesierungpolitik seit 1872 überwiegt meines Erachtens allerdings ein wenig, da hier der Blick auf das große Ganze vernachlässigt wird. Deutschland begann erst mit der Reichsgründung ein Nationalstaat zu werden, während andere europäische Staaten, auch Polen, schon Nationalstaaten waren bzw. - im Falle Polens - ein nationale Identität hatten. In Deutschland musste sich der Nationalstaat gegen einen starken Regionalismus durchsetzen, wobei insbesondere die ethnisch gemischten Grenzregionen ins Augenmerk des neuen zentralistischen Nationalstaates fielen.
Auch die Kritik, die masurische Sprache und Kultur sei untergegangen, weil die alten auschliesslich deutschsprachigen Eliten diese vernachlässigt hätten, verkennt die Situation der Masuren nach dem Krieg. Wer sollte denn nun noch masurisch sprechen, wo man über ganz Deutschland verteilt lebte, keiner wollte doch als "Pollack" beschimpft werden und vor allem sprach doch die zuletzt in der masurischen Heimat geborene Generation ohnehin kein masurisch mehr. Darüber hinaus stellt Kossert selbst fest, dass praktisch die Gesamtheit der Masuren niemals polnisch sein wollte, dass wurde 1920 im Abstimmungsverhalten, ab 1933 leider auch im Wahlverhalten und ab 1944 an der überwiegenden Flucht der Masuren in Reichsgebiet deutlich.
Die masurische Ethnie ist in der deutschen Kulturgemeinschaft aufgegangen und hat sicher auch ihre Spuren hinterlassen - und wenn es auch nur noch die Erinnerung an dieses unbeschreiblich schöne Land und seine Menschen ist.
Ich jedenfalls bekenne gerne, selber Masure zu sein und erkenne auch als Nachgeborener noch einige masurische Eigenarten in mir. :-)
Auch wenn Kosserts Werk an einigen Stellen durchaus kritikwürdig ist, so ist es doch ein absolutes Muß für jeden, der sich näher mit der Geschichte Ostpreussen und Maurens befasst.
Der Untertitel des Buches verwundert: Warum soll gerade Masuren, eine Region, die zunehmend von Touristen bereist und ob ihrer landschaftlichen Schönheit gepriesen wird, vergessen sein? Andreas Kossert geht es in seiner großartigen Studie um die vergessene Geschichte der Region und vor allem der Bewohner Masurens, denen ein Platz eingeräumt werden soll, den sie in der Geschichte nie einnehmen durften: sie erscheinen als eigenständige Subjekte, nicht als Objekt nationaler Interessen. Kossert zeigt die Auswirkungen der „großen Politik“ auf die Menschen in Masuren, lässt sie durch Einbeziehung verschiedenster Quellen - etwa Literatur oder zeitgenössische Kirchenlieder der - lebendig werden.
Die Geschichte der Masuren wird vom Mittelalter bis in die Gegenwart erzählt, ohne sie auf den Konflikt um die nationale Zugehörigkeit der Region zu Polen oder Deutschland zu reduzieren. Kossert gelingt dabei eine glänzend geschriebene Gesamthistorie des südlichen Ostpreußens, die durch ihre Themenvielfalt besticht. So finden die Rolle der Religion, Schulen in Masuren, die wirtschaftliche Lage, Traditionen und Sagen Eingang in die scharfsinnige Darstellung der wechselvollen Geschichte dieser Region, die mit ihrer spezifischen ethnischen Struktur eine Brücke zwischen polnischer und deutscher Kultur hätte bilden können. Diese Chance wurde aber begraben von den Versuchen der jeweils Herrschenden, Masuren „rein deutsch“ oder „rein polnisch“ werden zu lassen. Bei aller Sensibilität nennt Kossert die Dinge hier beim Namen: „Im nationalistischen Geschrei stand die polnische Seite der deutschen indes in nichts nach.“
Heute versuchen immer mehr junge Polen, Ukrainer und Litauer in Masuren die Geschichte ihrer Heimat zu erkunden und wollen an das Gewesene erinnern. Dies stimmt optimistisch nach einem eher traurigen Fazit der Geschichte, die Kossert vom 13. Jahrhundert an nachzeichnet: „Ohne Verständnis für die besondere Lage, die in dieser Grenzregion über Jahrhunderte entstand, walzten deutscher und polnischer Nationalismus alles nieder, was masurisch war ‘Germanisierung’ oder ‘Polonisierung’, das waren die Alternativen, die den Menschen offen standen. Ein eigener masurischer Weg blieb ihnen verwehrt.“
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