Nicht von ungefähr schrieb die New York Times, dass die Werke von Patrick O'Brian, „die besten hitorischen Romane aller Zeiten" wären. Der Titel dieses vorliegenden Werkes könnte im ersten Moment in die Irre führen. Durch den Film „Master and Commander. Bis an Ende der Welt" (mit Oskargewinner Russell Crowe in der Hauptrolle) ins Rampenlicht gesetzt, benutzt der Film den Titel des Erstlingswerkes von O'Brian, nämlich „Master and Commande," erstmalig erschienenen in !970. Hier wurde der Leser in die Abenteuer des späteren Kapitäns zur See (eben des eigentlichen englischen Offizierstitels „Master and Commander") der britischen Royal Navy, Jack Aubrey, eingeführt. Wer daran Geschmack fand konnte Aubrey ihn 19 weiteren Bänden folgen. Insgesamt über 3. Milillionen Bände wurden aus der gesamten Reihe verkauft. Grundlage des Films ist jedoch eigentlich der 10. Band, „Manöver um Feuerland" (im engl. Original „The Far Side of the World"). Dieser Band erscheint nun als Sonderausgabe unter dem Namen des Films.
Wer z.B. die Werke von Bernard Cornwell, insb. die Richard Sharpe Serie, die den Aufstieg und Karriere eines einfachen britischen Scharfschützen zu Zeiten Napoleons, zum geachteten und gefürchteten Offizier kennt und schätzt, wird sich bei O'Brian schnell heimisch fühlen. „Master and Commander", also wie oben beschrieben eigentlich „Manöver um Feuerland", beschreibt die Jagd des Kapitäns Jack Aubrey nach einem französischen Kriegsschiff. Begeleitet wird Aubrey u.a. durch seinen Freund und stetes, soziales und intelektuelles Gewissen, der Schiffsarzt Maturin. Nur wird schnell aus dem Jäger eine Gejagter. Ob vor oder nach dem Film, das Lesen des Buches lohnt sich allemal. Wie immer bei Filmadaptionen, wird der Leser feststellen, dass Filme aus dramaturgischen Gründe stets kürzen, verändern und ergänzen. So erfährt der Leser, dass Aubrey tatsächlich ein amerikanisches Schiff während des Krieges von 1812, zwischen Britannien und den USA, als Gegner hat.
Das Werk zeigt eine der größten Männerfreundschaften in der Literatur auf, eben die zwischen Aubrey und Maturin. Ihren gegensätzlichen Charakteren und Eigenschaften, ihren Meinungsverschiedenheiten und teilweise heftigen Streitigkeiten, die gelegentlich diese Freundschaft auf die härtesten Proben stellen. Aubrey stellt verkörpert den typischen britischen Seemann und Offizier, der führen und befehlen muss; Schiffsarzt Maturin, den intellektuellen Denker, Zweifler und Kritiker. Und doch ergänzen sich beide, letztendlich in voller Harmonie und Eintracht, wenn sie z.B. gemeinsam musizieren, auch wenn der gemeine Matrose dies nicht erkennt. O'Brian versteht es meisterhaft Teile seines Werkes als Abenteuergeschichte, historischer Roman und Thriller, allesamt mit psychologischen Tiefgang hie und da, zu schreiben. Es gelingt ihm den nicht oberflächlichen Leser zu fesseln, man verliert Raum und Zeit beim Lesen, es besteht Gefahr, dass selbst der Tee (für dt. Leser derKaffee) erkaltet. Dies gelingt O'Brian auch dadurch, dass er sein Werk mit feinstem britischen Humor garniert. Mal sehr tiefsinnig, dann eher breit. Wie es gerade passt. Wer hier den oberflächlichen Roman ohne Tiefgang erwartet, keine eigenen Denkprozesse und nichts lernen will (oder kann), ist bei O'Brian schlecht aufgehoben. Der wende sich lieber an seichtere Werke. Natürlich kann man O'Brian schnell „durchlesen" und dabei seine Freude haben. Wirklich wertvoll werden seine Werke, wenn man sich Zeit nimmt den einen oder anderen Fachbegriff nachzuschlagen, eben zu „lernen." Denn O'Brian schreibt in der Sprache der Zeit inkl. aller Begriffe der Royal Navy und Seeschifffahrt. Er schreibt daher auch eher in der Sprache des „alten Englands." Was jedoch in der deutschen Übersetzung (auch nicht im Film!) so zum Tragen kommt. Anders ausgedrückt, Freunde die diese authentische Sprache und Genre kennen und schätzen, wie z.B. von Emily Brontes „Sturmhöhe" (engl „Wuthering Heights), oder Jane Austens „Stolz und Vorurteil", „Verstand und Gefühl" und „Emma" (engl. jeweils „Pride and Prejudice", Verstand und Gefuhl", „Emma") werden O'Brian lieben.
Als ein mustergültiges Beispiel, wie es O'Brian gelingt historische Fakten mit der Geschichte zu verweben, sei nur die Ankerung vor den Galapagos Inseln kurz erwähnt. O'Brian nimmt die spätere Reise von Charles Darwin auf der HMS Beagle zu diesen Inseln vorweg. Die Eindrücke und wissenschaftlichen Erkenntnisse von Darwin vor Ort, im Jahre 1831, waren eine wichtige Grundlage des im Jahre 1859 erschienen, revolutionären „Origin of Species" (dt. „Über die Entstehung der Arten"). Darwin beschrieb in seinem Buch „Beagle (dt. ) seine Reise als begeleitender Wissenschaftler auf der HMS Beagle, seiner Freundschaft, aber auch heftigen Auseinandersetzungen mit dem Kapitän, Robert Fitzroy. Fitzroy war ein fundamentalistischer Christ. So mussten Streitgespräche mit Darwin und dessen erstmalig an Bord formulierten Gedanken zur Evolution, zwangsläufig zu heftigen Kontroversen führen. Das Fragen der Befehlsgewalt, Kritik, möglicher Untergrabung von Autorität mitschwingen, ist nur natürlich. Ein Thema, welches bei O'Brian eben auch auftaucht. Auch Darwin nahm sich eines Schiffsjungen als „Assistenten" an, Syms Covington, wie auch bei O'Brian beschrieben. Covington wurde für Darwin zur unentbehrlichen Hilfe beim Katalogisieren und Beschreiben der wissenschaftlichen Funde.
Wer richtig in das Thema der damaligen Seefahrt und ihren Hintergründen einsteigen will, dabei u.a. auch erfahren kann, wie gründlich O'Brian sein Handwerk des historischen Romans beherrscht hat, dem können diese Werke nur empfohlen werden: „A Sea of Words: A Lexicon and Companion for Patrick O'Brian's Seafaring Tales", von Dean King, und „Patrick O'Brian's Navy: The Illustrated Companion to Jack Aubrey's World" von Richard O'Neill, Hrsg.