Der 1966 in Luzern geborene Schriftsteller und Unternehmer Rolf Dobelli beeindruckt durch breit gefächerte Produktivität von Philosophie über Ökonomie bis zum Roman - wenn er als Swissair-Manager oder Unternehmer nicht ausgelastet war, schrieb er Kolumnen für die FAZ oder trat als TV-Moderator bei Bloomberg auf.
2010 erschien sein Roman "Massimo Marini", der sich mit der Geschichte einer italienischen Familie befasst, die in die Schweiz emigrierte. In schöner Bildhaftigkeit beschäftigt sich der Protagonist damit, Tunnel in die Alpen zu sprengen.
Doch Dobelli begnügt sich nicht mit dem Kulturkonflikt zwischen Italien und Schweiz, Süd und Nord, Arbeiter und Ausbeuter, Armut und Chance. Eine äußerst intensive, aber auch sehr gespannte Vater-Sohn-Beziehung wird lebendig, die Tragödie einer missbrauchten Frau, das nie enden wollende Erbe der außerparlamentarischen Opposition und der ewige Konflikt zwischen Freundschaft und Rivalität, zwischen Bewunderung und Neid.
Wie im wahren Leben scheint Dobelli auch in seinem Roman möglichst viel gleichzeitig bewältigen zu wollen - und gleichzeitig die eigene Vergangenheit damit aufzuarbeiten. Aber nicht nur der Autor, sondern auch sein Werk wirkt bestens organisiert.
Das beginnt bei der effizienten, beschreibenden, aber dabei auch äußerst plastischen und präzisen Sprache. Dobelli malt nicht, er zeichnet - doch fast jeder Satz überzeugt durch beeindruckende Präzision. Es ist, als würde sich ein Ingenieur in impressionistischer Malerei versuchen.
Auch der Aufbau der Handlung in einem Rahmen scheint gleichzeitig konstruiert wie intuitiv geschehen zu sein.
Zu "seinem" Entwicklungsroman musste der Autor Anlauf nehmen - vielleicht auch eine innere Distanz zur Karriere-Orientierung finden; es begann mit der Aufarbeitung der beruflichen Spannungsfelder in "Eine Midlife Story" - Dobelli war da gerade mal 35 - und setzte sich fort über weitere Management-bezogene Themen, bis sich mit "Himmelreich" (2006) ein Roman erstmals um die Liebe drehte.
"Massimo Marini" wirkt jedenfalls ehrlich und ungeschminkt. Nicht jedem gelingt die Integration einer spannenden Entwicklung mit geschichtlichen Hintergründen so spannend und auch stimmig.
print-jury 5* A0883 19.2.2012eg