Ich habe die vorliegende Aufführung vor geraumer Zeit als Liveübertragung im kino gesehen, und war so begeistert, daß ich mich freue, jetzt auch die DVD zu besitzen. Im Kino ging gleich zu Beginn der Übertragung ein Raunen durch das Publikum, denn der Gastgeber des Abends war niemand anderes als der Altmeister persönlich: Placido Domingo hat die Interviews in den Pausen geführt und die Oper vorgestellt.
"Thais" wurde an der MET zum letztenmal 1978 gespielt, damals mit der amerikanischen Sopranistin Beverly Sills in der Titelrolle
Die Handlung:
Ägypten im 4. Jahrhundert n.C.
Der Mönch Athanael gehört einer urchristlichen Religionsgemeinschaft an und führt mit seinen Glaubensbrüdern ein asketisches Leben in der Wüste.
Er ist besorgt, da er glaubt, daß Alexandria, seine Heimatstadt, in Sünde versinkt. Urheberin ist für ihn die Kurtisane, Tänzerin und Venuspriesterin Thais.
Nach einer Vision glaubt er sich berufen, Thais zum Christentum zu bekehren und zieht gen Alexandria.
Er trifft Thais im Hause seines alten Schulfreundes Nicias, dessen (bezahlte) Geliebte sie zur Zeit ist. Auf einem Fest im Hause Nicias' macht Thais sich zunächst lustig über den Fanatiker, der ihr ihre Sündhaftigkeit und die Leere ihres Lebens ins Gesicht schleudert.
Es gelingt Athanael nach einigen Bemühungen schließlich, Thais zur Umkehr zu bewegen. Sie flieht mit ihm aus Alexandria. Nach einem Marsch durch die Wüste bringt er sie in ein Kloster, in dem Thais für ihre Sünden büßen und fortan leben will.
Zurück bei seinen Mitbrüdern findet Athanael keine Ruhe: er, der seine Körperlichkeit, seine Sexualität immer verleugnet, ja verdammt hat, wird von Visionen gefoltert: er kann Thais Schönheit, ihre erotische Ausstrahlung nicht vergessen.
Als er erfährt, daß Thais nach drei Monaten unentwegter Buße, ohne Schlaf und Nahrung, in ihrem Kloster im Sterben liegt, eilt er fort um sie zu retten. Der sterbenden Thais sagt er, daß er sich geirrt habe, es gäbe keine göttliche Liebe, keinen Himmel, kein ewiges Leben. Das einzige was zähle, sei die irdische Liebe, jene Liebe, mit der Thais ihr Leben verbracht habe. Thais kann ihn im Fieberwahn nicht mehr verstehen, spricht von der gemeinsamen Reise durch die Wüste, von dem, was Athanael für sie getan hat. In ihren letzten Augenblicken sieht sie den Himmel offen. Mit den Worten "Ich sehe...Gott..." stirbt sie, während Athanael gebrochen, verzweifelt, gescheitert, zurückbleibt.
Mir hat die Aufführung damals wie gesagt sehr gut gefallen, die Inszenierung war nicht übermäßig originell, aber große Regieexperimente sind aus der MET in aller Regel sowieso nicht zu erwarten, und das kann ja auch sein Gutes haben...
Renee Fleming war großartig, sie hat in einem kurzen Gespräch vor Beginn gesagt, das "Thais" eine von etwa vier Rollen ist, bei denen sie das Gefühl hat, daß sie wie für sie geschrieben sind, so perfekt passe sie zu ihrer Stimme.
In der Tat fand ich sie als Thais wunderbar, ich denke, die Rolle verlangt alles von ihr, was sie stimmlich zu bieten hat: glitzernder, "glamouröser"" Gesang bei ihrem ersten Auftritt, große emotionale Ausbrüche in jener Szene, in der sich ihre Verwandlung zu vollziehen beginnt, berückende Pianopassagen im 2.Teil und am Ende der Oper. Auch optisch war sie absolut glaubhaft: während sie für eine blutjunge Violetta Valery m. E. eigentlich schon etwas zu reif ist (und das Drama dadurch einen anderen Akzent bekommt als beabsichtigt), ist sie als erfahrene, reife, herausfordernd sinnliche und in allen erotischen Künsten bewanderte Kurtisane umwerfend und man gut verstehen, daß Athanael ihr Bild nicht aus dem Kopf bekommt.
Michael Schade als Athanaels Schulfreund Nicias hat mir gut gefallen: er hat so einfühlsam und schön gesungen wie ich das von ihm gewohnt bin, außerdem mag ich es, daß er seine Rollen oft mit einem Hauch Ironie versieht, so auch hier. Jedoch klang er in den Höhen manchmal ein wenig grell, das habe ich sonst von ihm noch nicht gehört. Im Übrigen habe ich den Eindruck, daß ihm Mozart mehr liegt als Massenet, dennoch: auch er war wirklich hörenswert.
Schade hin, Fleming her, der Star des Abends war für mich Thomas Hampson, allerdings weiß ich, daß nicht wenige Kenner der französischen Oper seinen Gesang unangemessen dramatisch fanden und der Ansicht sind, daß er dem französischen Stil nicht wirklich gerecht geworden ist, allerdings werfen das viele Leute vielen Sängern vor, und es ist die Frage, ob das immer so ganz ernst zu nehmen ist...
Ich kann das jedenfalls nicht wirklich beurteilen und nur sagen, daß ich seine (musikalische und szenische) Interpretation ungeheuer beeindruckend fand. Athanael ist in ca. 95 Prozent aller Szenen auf der Bühne anwesend, davon singt er in Hampsons Interpretation die meiste Zeit laut bis sehr laut und enorm kraftvoll. Nicht, weil Hampson das nicht anders könnte, sondern weil Atahanel ein lauter Mensch ist: ein religiöser Eiferer, ein Fanatiker (Hampson nennt ihn sehr zu Recht "Fundamentalist"), und wie alle Fundamentalisten muß er permantent brüllen um die Menschen von dem zu überzeugen, was er für den rechten Weg, die einzig gültige Wahrheit hält -und um seine eigenen inneren Stimmen und Dämonen niederzuschreien. Es mag sein, daß das musikalisch problematisch und stimmlich gefährlich ist, ich fand es allerdings sehr stimmig und glaubhaft ihn so darzustellen. Es gibt für Athanael nur sehr wenige lyrische Momente, einen davon während er mit Thais durch die Wüste wandert und er der völlig Erschöpften Wasser und Obst bringt, um sie zu stärken. Hier gibt es einen leiseren Moment, in dem Athanael sich von einer weicheren, mitfühlenden Seite zeigt.
Einen ähnlichen Augenblick gibt es vorher, als er im Gespräch mit Thais, die panische Angst vor dem Tod und der Vernichtung hat, dieser erzählt, was Gott zu bieten hat, wenn sie Ihm folge: ewiges Leben. Es gibt sie also, Athanaels leise, weiche Seite, aber er läßt sie die meiste Zeit über nicht zu Wort kommen. Es ist wirklich phänomenal wie Hampson diese enorm dramatische, kraftvolle Rolle bewältigt, ohne sie zu zerbrüllen. Zumindest sehe ich das so, aber wie gesagt: ich weiß durchaus, daß manche seine Interpretation problematisch fanden.
Auch darstellerisch hat er mich überzeugt: man merkt diesem Athanael auch körperlich an, daß er ständig unter Strom steht, sich vermutlich nicht mal im Schlaf wirklich entspannt.
Ich will ja nicht geschmacklos werden, aber wenn einer einen Besuch bei einer erfahrenen Kurtisane dringend nötig hätte (und das schon seit Jahren), dann er...
In der Kinoübertragung hat er sich in einer Pause
die Zeit für ein kurzes Interview mit Domingo genommen und unter anderem den traumschönen Satz gesagt, daß er besonders die Charaktere zu spielen liebe, die stets glauben, Gott in der Hand, im Kopf und im Herzen zu tragen, und die doch alles negieren, was Seine Schöpfung ausmacht und was Er geschaffen hat. Genauso einer ist Athanael.
Ein großer Schwachpunkt der Inszenierung ist leider, leider ausgerechnet die Sterbeszene. Musikalisch ist die Szene wunderschön und Renee Fleming stirbt durchaus ergreifend, aber ein wenig seltsam ist es schon, daß eine Frau die sich drei Monate lang zu Tode gefastet und kaum geschlafen hat wie eine Heiligenstatue auf einem Thron sitzt, eine Designerrobe trägt und von langem, glänzendem, frisch geföhntem Engelshaar umflossen wird.
Das sieht hübsch aus, gibt aber definitiv Abzüge in der B-Note.
Im Originallibretto ist Thais in dieser Szene nackt, es ist die Nacktheit der wieder gefundenen Unschuld, die sich völlig von Thais' früherer Zurschaustellung ihres Körpers unterscheidet, und es ist jammerschade, daß dies in der Regie nicht zumindest angedeutet wurde
Ich bin sehr froh, daß ich die Gelegenheit genutzt habe, diese selten gespielte Oper zu sehen freue mich, daß die Aufführung jetzt auch auf DVD zu haben ist. Erwähnt werden sollte noch der junge Konzertmeister des Orchesters, der die Solovioline in der "Meditation" traumhaft schön gespielt hat und dafür am Schluß auch vor den Vorhang durfte.