"Mason und Dixon" ist zweifellos eines der brillantesten Bücher, das ich je gelesen habe. Aus Sicht des deutschen Lesers gebührt nicht nur dem Autor dank, sondern ebenso der hervorragenden Leistung des Übersetzers. Thomas Pynchon schafft, was vielen zeitgenössischen Autoren im deutschen Sprachraum nicht gelingt, er verbindet anspruchsvollste, mitunter experimentelle Schreibkunst mit der besonderen Gabe eine gute Geschichte erzählen zu können. Natürlich widerspricht ein Buch wie Mason & Dixon durch Umfang und Komplexität leider den Lesegewohnheiten vieler Menschen, es ist jedoch keine intellektuelle Kraftübung zum Dienste der Selbsterhöhung, sondern die wunderbare, versponnene, witzige und sympathische Geschichte zweier Menschen in einer Zeit großer gesellschaftlicher und vor allem mentaler Veränderungen. Eine Zeit zu wissenschaftlich um noch magisch und zu verzaubert um schon rational zu sein. Vor diesem Hintergrund verknüpft Pynchon Handlungsebenen, Anekdoten, Pointen und kleine verschrobene Erzählungen mit seinem roten Faden des Verhältnisses zweier im Grunde recht unterschiedlicher Menschen. Beeindruckend ist die Plastizität und Tiefe, die Pynchon Seite für Seite dem Astronomen Mason und dem Landvermesser Dixon gibt. Sie bekommen eine Individualität und Deutlichkeit, wie ich dies selten gelesen habe. Und nein, der ist Roman nicht schwer zu verstehen, er verlangt nur ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Ich gehöre leider sicher nicht zu den Menschen mit der Zeit jeden Tag viele Stunden am Stück zu lesen, und so begleitete mich diese Geschichte fast vier Monate lang, manchmal nur wenige Seiten kurz vor dem Einschlafen. Ohne das man sich versieht, werden Mason und Dixon plötzlich sehr vertraut, und das Gelesene verweht nicht sondern formt eine immer größere und faszinierendere Geschichte. Über allem jedoch, das man über diesen großen Roman sagen könnte, steht die Sprachkunst von Thomas Pynchon. Ich kenne keinen zeitgenössischen Autor dessen Stil reicher, farbenprächtiger, nuancierter und treffender wäre. Ganz tief muss man vor ihm seinen Hut ziehen, und auch ich frage mich, was eigentlich noch passieren muss, bis man den begnadeten Geschichtenerzähler Thomas Pynchon endlich und hochverdienterweise mit dem Nobelpreis für Literatur ehrt.