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Maskerade der Herzen.
 
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Maskerade der Herzen. [Broschiert]

Lydia Joyce , Gabi Langmack
3.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Betrogen von seinem besten Freund und entstellt durch einen Unfall, trägt der geheimnisvolle Lord Sebastian Grimsthorpe eine Maske - hinter der er, von der feinen Gesellschaft Venedigs unbemerkt, dunkle Rachepläne schmiedet. Und endlich entdeckt er das geeignete »Werkzeug« für seine Vergeltung: die schöne Sarah Connolly - die jedoch alles daransetzt, die Wunden an Sebastians Herzen zu heilen ...

Herzergreifend romantisch und prickelnd sinnlich!

Klappentext

"Eine wunderbare Liebesgeschichte - ergreifend und unglaublich romantisch!"
Alison Kent

"Ein Liebesroman wie Venedig selbst: voll irreführender Wendungen und romantischer Überraschungen!"
Romantic Times

Über den Autor

Lydia Joyce arbeitete zunächst als Ingenieurin, bevor sie mit der Schriftstellerei ihre wahre Berufung fand. Gemeinsam mit Ehemann und Sohn lebt Lydia Joyce in den Bergen New Mexicos.

Auszug aus Maskerade der Herzen. von Lydia Joyce, Gabi Langmack. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Prolog

Damit kommt er nicht davon!
Dieser Gedanke trieb Sebastian Grimsthorpe, Earl of Wortham, um, als er vom Sitz des Gigs sprang und dem herumlungernden Pferdeburschen die Zügel bereits in der Sekunde zuwarf, als seine Stiefel auf die Kiesel knirschten.
»Ich bin gleich zurück.« Er marschierte über die nebelverhangene Straße zum diskret eleganten Eingang des Whitsun Clubs, mit zornigen, weit ausholenden Schritten.
Er riss die Tür auf, ignorierte den höflichen Protest des Portiers hinter dem glänzenden Mahagonitisch und lief durch das Vestibül direkt in den Speisesaal.
Prachtvolle Kirschholztische sprenkelten den Raum und wirkten doch schlicht unter der mit Kristall und Blattgold verzierten Decke, einem Erbe früherer Zeiten. Heute hatte Sebastian nicht die Zeit, die Atmosphäre aus altertümlicher Würde und Zigarrenrauch zu bewundern. Heute hatte er nur eins im Sinn.
Bertrand de Lint saß, wie erwartet, an seinem gewohnten Tisch und lachte bei Port und Beefsteak mit einem Freund. Sebastian hatte vorgehabt, ihn unauffällig zur Rede zu stellen, ihn auf den Hinterhof des Clubs zu drängen und ... und was auch immer. Er hatte nicht so weit vorausgedacht.
Doch diesen Kriminellen zum ersten Mal seit dem Überfall auf Adela wiederzusehen, ließ ihn alle Diskretion vergessen.
Der Zorn engte sein Blickfeld ein, bis de Lints selbstgefällige Visage von Dunkelheit umrahmt war und Sebastian sich mit aller Kraft gegen einen Wutausbruch stemmte.
»De Lint, Sie Bastard!« Sebastian erkannte das Gebrüll kaum als sein eigenes wieder.
Schlagartig war es totenstill. Fünfzig Augenpaare hoben sich von den Tellern und fixierten Sebastian. Er ignorierte sie alle. Im fassungslosen Schweigen schien das Klirren von de Lints Silberbesteck auf dem Teller und das gedämpfte Scharren seines Stuhls über den Aubusson-Teppich den ganzen Raum zu erfüllen. Der Mann stand gemächlich auf; er betrachtete seinen Ankläger ganz gelassen mit verächtlichem Stirnrunzeln.
»Also wirklich, Wortham«, sagte er gedehnt. »Falls es um die Kapriole mit Ihrem kleinen Mädchen geht, ist hier kaum der Ort -«
»Sie verlogener Bastard!« Sebastian übertönte ihn, wollte nicht hören, welche neue Hinterhältigkeit de Lint sich ausgedacht hatte, um den Namen seiner Tochter zu besudeln. Zum ersten Mal in den zwölf Jahren, die er den Mann nun kannte, zeigte sich in de Lints bernsteinfarbenem Blick ein verunsichertes Flackern, was Sebastian eine grimmige Befriedigung bescherte, während er fortfuhr. »Das Verhör war eine Farce. Wie können Sie die Dreistigkeit besitzen, noch hierher zu kommen -«
De Lint kräuselte verächtlich die Lippen. »Ich habe nichts als die Wahrheit gesagt, die auch niemanden überrascht hat, wir wissen schließlich alle, was ihre Mutter war. Es liegt im Blut, wissen Sie, alter Junge. Am besten, Sie vergessen die ganze Sache.«
»Nein!« Sebastian stürmte vor, überwand die Distanz in einem Herzschlag und riss de Lint mit seinem Schwung mit, bis der kleinere Mann so heftig gegen die Wand krachte, dass auf den umstehenden Tischen das Porzellan klirrte. »Sie ist ein Kind, verdammt. Ein Kind!«
De Lint senkte den Blick auf sein Jackett, das Sebastian in seinen Fäusten zerknüllte, dann hob er ihn wieder und sah in das Gesicht des Angreifers. Ein hartes Licht funkelte in seinen Augen. »Als ich sie hatte, war sie kein Kind -«
Sebastians Faust traf auf sein Kinn und schnitt ihm das Wort ab. Das plötzliche, gewalttätige Klatschen von Fleisch auf Fleisch taute den Rest des Raumes auf, und die Zuschauer traten in Aktion. Hände packten Sebastians Gehrock und Kragen, zogen ihn von de Lint weg, drängten ihn durch den Speisesaal und zur Tür. Sebastian kämpfte weiter, spaltete einem Mann die Augenbraue, versetzte einem anderen mit dem Ellenbogen einen scharfen Stoß an das Brustbein.
In seinen Ohren dröhnte Protest; all die altbekannten Stimmen sagten all das übliche Zeug, das er vor den Ereignissen des vergangenen Monats vermutlich selbst gesagt hätte. »Wirklich abscheulich, alter Junge.« »So geht das nicht, das wissen Sie doch.« »Also wirklich, Wortham, einen Mann in seinem eigenen Club zu attackieren ...« In ihren Stimmen hörte er widerhallen, was seine Freunde zu ihm sagten, seit er zugunsten seiner illegitimen Tochter das Wort erhoben hatte. Um ihn herum stieg schwarz und undurchdringlich die Verzweiflung auf.
Er hörte auf, sich zu wehren.
Sebastian hielt den Blick auf den Feind gerichtet, während man ihn zur Tür schob. De Lint richtete sich auf, zog die Falten aus den Kleidern und klopfte die Spuren des Zwischenfalls ab, als könne er sich der Schmach der Vorwürfe einfach so entledigen.
Und Sebastian wusste tief in seinem Herzen, dass de Lint das tatsächlich konnte, soweit es die Gesellschaft anging. Eine Schlägerei in einem ehrwürdigen, respektablen Club - das war ein Skandal. Aber das illegitime Kind eines leichtlebigen Earls und einer spanischen Dirne war für die Männer des Whitsun Clubs und ihresgleichen ein Nichts. Die Schändung eines solchen Mädchens mochte die Klatschblätter interessieren, aber das Mädchen selbst lebte außerhalb der beschützten Welt des Adels, also hatte sein Schicksal auch keine Bedeutung.
»Das ist noch nicht vorbei.« Sebastian hob nicht einmal die Stimme, doch er übertönte den Aufruhr, der der Auseinandersetzung folgte, mit Leichtigkeit. »Adela wird Gerechtigkeit widerfahren, so oder so. Das schwöre ich!«
De Lint zog nur eine Augenbraue hoch, und das war das Letzte, was Sebastian von ihm sah, bevor man ihn um die Ecke ins Vestibül zurückschob.
»Gehen Sie!«, grollte er die Männer an, die sich auf engem Raum um ihn drängten. Seine Freunde, de Lints Freunde - er wusste nicht, was sie waren, aber sie konnten nicht mehr beides sein. Die Männer rührten sich nicht, also wandte er sich zum Eingang des Clubs, löste die letzten Hände, die ihn am Gehen hinderten. »Alles in Ordnung. Ich verschwinde. Gehen Sie!«
Als er sich zur Tür bewegte, blieben sie zurück. Er trat hinaus, ließ die Tür hinter sich zufallen und blieb vor der Schwelle stehen. Er blickte in den grauen, schmutzigen Londoner Nieselregen, der gerade zu fallen begonnen hatte. Er erschien ihm plötzlich klarer als alles, was er seit langem gesehen hatte, und der Gedanke stachelte jene tiefe Unruhe an, die er lieber nicht zu genau ergründen wollte.
»Sie werden Ihnen jetzt Hausverbot erteilen, wissen Sie«, ertönte neben seinem Ellenbogen eine vertraute, ruhige Stimme, und Sebastian sah nach links. Stephen Holland hatte sich hinter ihm hinausgeschlichen und stand an seiner Seite, Besorgnis im Blick, auch wenn die Hände lässig in den Taschen steckten. Ein Freund noch, immerhin.
»Das ist mir egal«, sagte Sebastian.
Holland zuckte die Achseln, ob zur Antwort oder wegen des Regens, der sein Abendjackett durchnässte, hätte Sebastian nicht zu sagen vermocht. »Ich verstehe wirklich nicht, was Sie da drin bewirken wollten.«
Sebastians Frustration wallte wieder auf. »Damit wird er nicht davonkommen. Ich kann das nicht zulassen.«
Holland schwieg eine lange Zeit. Dann sagte er leichthin: »Aber da liegt der Hase im Pfeffer. De Lint mag ein Wüstling sein, aber er ist kein Lügner. Und er sagt, er habe keine Gewalt angewendet.«
»Mein Gott, Holland!« Sebastian spuckte die Worte förmlich aus. »Wenn Sie da gewesen wären - wenn Sie das Blut gesehen hätten, die Striemen, die Tränen - dann hätten Sie gewusst, dass es nichts anderes als eine Vergewaltigung gewesen ist, eine Vergewaltigung der übelsten Sorte. Sie ist ein Kind -« Er merkte, dass er wieder zu schreien begonnen hatte und verbiss sich den Rest des Satzes. »Sie glauben mir doch?«
Holland wandte langsam den Kopf und sah Sebastian mit besorgtem Gesichtsausdruck in die Augen. »Ich wüsste auch nicht, dass Sie ein Lügner wären, Wortham. Genauso wenig wie de Lint. Und das ist alles, was ich dazu sagen kann.«
Was Holland damit sagen wollte - Sebastian war es im vergangenen Monat immer wieder zu Ohren gekommen -, war auf erschütternde Weise klar: Sebastians Lebensstil war um keinen Deut untadeliger als der de Lints. Solange es keine anderen Zeugen gab als ein junges Mädchen, das ohne legitime Abstammung und von fragwürdiger Moral war, und eine alte Amme, die nicht einmal vor Ort gewesen war, stand ein Wort gegen das andere, und im Zweifel wurde für den Angeklagten entschieden.
Sebastian wusste, wie töricht es gewesen war, die Konfrontation zu suchen, als sei er ein Ritter aus einer alten Sage, der die Ehre einer Maid gegen die ganze Welt verteidigte. Als hätte ihn das von seiner Mitschuld an der Freveltat lossprechen können. Als er jetzt darüber nachdachte, wurde ihm seine Torheit klar. Doch als dieser Betteljunge ihn vor dem Büro seines Londoner Anwalts aufgehalten und ihm gesagt hatte, wo der Feind zu finden war, hatte er nicht weiter nachgedacht.
Er traute sich keine oberflächlichen Abschiedsfloskeln zu, nickte nur kurz und lief die Treppe hinunter. Er nahm dem wartenden Pferdeburschen die Zügel des Gigs ab und warf ihm einen Schilling zu. Ohne sich noch einmal umzudrehen ließ er die Zügel schnalzen und die Pferde Schritt gehen, dann Trab. Am liebsten wäre er wie verrückt davongaloppiert, weg vom Club, von de Lint und seinem eigenen, alten Leben. Doch er zügelte die Pferde zu einer nervenzermürbend gemäßigten Gangart, suchte sich seinen Weg durch die belebten, abendlichen Straßen und verbannte den Teufel, der ihn zur Rage trieb, aus seinen Gedanken.
Nur der verkommenste Schurke konnte in einem Haus, in dem er ein unschuldiges junges Mädchen hütete, ein Zechgelage veranstalten. Und niemand außer Sebastian konnte ein Mädchen durch bloße Blutsbande so besudeln, dass ihre Moral automatisch als zweifelhaft galt. Es war seine Schuld, dass Adela so lange unter seiner wohlwollenden Ignoranz gelitten hatte, während er sich zu seiner Großzügigkeit gratuliert hatte; seine Schuld, dass sie überfallen worden war; seine Schuld, dass man ihr den Überfall nicht geglaubt hatte. Er konnte nichts tun, um seine eigenen Fehler wiedergutzumachen, aber er konnte zumindest den Täter zur Rechenschaft ziehen. Das war er ihr schuldig.
Als er zu diesem Schluss gekommen war, stellte er fest, dass er den Stadtrand erreicht hatte. Die Straße lag fast verlassen vor ihm. Er hatte bis zu diesem Augenblick nicht über sein Ziel nachgedacht, doch jetzt wurde ihm klar, dass er unbewusst Richtung Hartwald gefahren war.
Beim Gedanken an die stille, ursprüngliche Zuflucht wurde ihm warm ums Herz, und als ihm einfiel, dass Daniel dort war - sein Cousin Daniel, der einzige Freund, der während der ganzen Zerreißprobe nicht die geringsten Zweifel gezeigt hatte -, schien Sebastian seine unbewusste Entscheidung doppelt richtig. Die Pferde spürten seine Ungeduld an der Art, wie er die Zügel führte; sie bogen die Hälse, ihre Nüstern bebten. Sebastian ließ die Zügel schnalzen und schickte sie in schneidigem Galopp die Straße hinunter. Die Landstraße erstreckte sich vor ihm, leer und einladend geradlinig. Er brauchte seinen Kopf nur ebenso zu leeren und sich dem Rattern der Räder hinzugeben, dem Getrommel der Hufe und dem Pfeifen des Windes -
Und dann wurde aus dem Rattern ein Knacken, die Pferde wieherten panisch, und Sebastian flog durch die Luft. Selbst in diesem Augenblick hielt der Frieden der Straße die Angst in Schach, und als er auf den festgetrampelten Erdboden stürzte, dachte er in einem Winkel seines Verstandes völlig unbeteiligt: Was für eine dumme Art zu sterben.
Und dann wurde alles schwarz.

Ich stand in Venedig auf der Seufzerbrücke,
ein Palast zur Rechten, ein Kerker zur Linken.
Ich sah aus den Wellen die Stadt sich erheben,
wie vom Streich eines Zauberstabs.
Tausend Jahre dehnen sich die Wolkenflügel
um mich herum, und es lacht der sterbende Ruhm
der fernen Tage, als manch unterworfenes Land
des geflügelten Löwen Marmorberge sah
und Venedig, Staat im Staat, auf tausend Inseln thronte!
Tassos Echo hallt nicht länger durch Venedig,
und schweigend rudert der Gondoliere.
Die Paläste, sie zerbröckeln an den Ufern,
und keine Musik klingt mehr in den Ohren.
Die alten Tage sind vorüber - doch die Schönheit ist noch da.
Staaten zerfallen, Kunst verblasst - doch die Natur stirbt nie.
Vergiss auch du nicht, wie schön Venedig einst war,
Der freudvolle Ort aller Festivität,
Der Rummelplatz der Welt, die Maske Italiens!
George Gordon Lord Byron
Ritter Harolds Pilgerfahrt, Canto 4, I, III

1. Kapitel
Es war der perfekte Tag zum Sterben.
Die Hügel Cornwalls wellten sich vor Sebastians Schlafzimmerfenster wie ein grünes Tuch zur ausgezackten Linie der flachen, grauen See hinab, die in den langen, stürmischen Tagen seines Aufenthalts zum ersten Mal zu sehen war. Der Himmel war von einem zerbrechlichen Porzellanblau, und in dem Licht, das durch die zurückgezogenen Vorhänge fiel, lag das süße, himmlische Versprechen auf den nahen Frühling.
Sebastian betrachtete es mit einer Zufriedenheit, als handle es sich um eine Art obskures Zeichen, dass das Schicksal es mit seiner unorthodoxen Unternehmung gut meine. Er schloss die Reisetruhe mit einem abschließenden Knall und der Gewissheit, seine Hemden falsch zusammengelegt zu haben. Früher hätte ihn das irritiert, er hatte nie zuvor selbst gepackt. Aber er war nicht mehr der Mann, der er einst gewesen war, und Tote hatten keine Kammerdiener.
»Du ziehst es also durch.« Daniels Stimme kam von der Tür, und es handelte sich nicht um eine Frage. Sebastian legte die Hand auf das sonnenwarme Blech, mit dem der Truhendeckel beschlagen war, den greifbaren Beweis seiner Entscheidung. »Ja«, sagte er ohne aufzusehen.
Das Blech war dunkel oxidiert, von hundert anderen Reisen verbeult und vertrauter als die unzähligen Schlafzimmer, in denen er während der vergangenen zehn Jahre genächtigt hatte. Seine Finger tasteten wie von selbst das Familienwappen ab; es war lange her, dass er ihm Beachtung geschenkt hatte. In den verschiedenen Phasen seiner Jugend hatte er es getan, hatte es für furchteinflößend, heilig, beeindruckend gehalten oder für einfach ein weiteres Zeichen dafür, welch verdammt wichtige Persönlichkeit er doch war. Doch jetzt erschienen ihm die erhabenen, posierenden Löwen wie ein Witz, ein verdrehter Witz, und er berührte sie so automatisch und nutzlos, wie man an einer kaum verheilten Wunde kratzte.
»Du weißt, was ich von deinem Plan halte«, sagte David.
Sebastian riss den Blick von der Truhe los und drehte sich um, wobei er innerlich seufzte. Die Auseinandersetzung war ihm so vertraut, dass er sie praktisch Wort für Wort rezitieren konnte. Und es hatte sich nichts geändert, seit sie die ausgetretenen Pfade das letzte Mal beschritten hatten.
Jetzt tauchte auch Whitby unter der Tür auf. Vielleicht dachte Daniel, dass Whitby eine Verstärkung darstellte, doch Sebastian hatte nie viel auf die Ansichten des Anwalts gegeben.
»Ich weiß, du verstehst das nicht, aber ich muss dich bitten, meine Entscheidung zu respektieren.« Sebastian lächelte freudlos. »Das Äußerste was passieren kann, ist, dass ich wirklich sterbe und du dann endgültig Earl bist. Ich kann mir ein schlimmeres Schicksal vorstellen.«
Daniel versuchte, ein feierliches Gesicht zu machen, aber er hatte das unglückselige Kinn seines Vaters geerbt und brachte nur eine leicht betretene Miene zu Stande. »Ich will dein Land und deinen Titel nicht. Das solltest du mittlerweile wissen, Grimmy. Du warst vermutlich schon immer etwas tollkühn - da hatte Onkel Recht -, aber wer wäre das nicht? Doch so verrückt kenne ich dich nicht. Sie ist ein Bastard, und du riskierst alles -«
Sebastians finsterer Blick, mit dem er Daniel fixierte, seit der seinen Vater erwähnt hatte, wurde noch um einige Grade frostiger. »Sie ist meine Tochter«, sagte er langsam und überdeutlich.
Er betrachtete wieder die gichtkranken Löwen, die sich affektiert grinsend auf beiden Seiten des Schilds reckten. Er hätte sie wegen all des Guten, für das sie standen, am liebsten in den Kampf gejagt. Was Adela anging und die sabotierte Radachse, die ihn beinahe das Leben gekostet hatte, hatte de Lint für einiges geradezustehen.
»Sind meine Angelegenheiten geregelt?«, wollte er von Whitby wissen.
»Ja, Euer Lordschaft«, sagte sein dünner, kahl werdender Rechtsanwalt. Er verstummte, das Schweigen mit unausgesprochenem Tadel aufgeladen.
»Sie möchten mir etwas mitteilen?« Sebastian zog eine Braue hoch, wusste aus Erfahrung, dass er der Standpauke nicht entkam.
Whitby richtete sich auf. »Als Verwalter Ihres Vermögens fühle ich mich verpflichtet, meinem äußersten Missfallen Ausdruck zu geben, was diese Unternehmung angeht. So sehr Sie an Ihren Cousin glauben mögen - und ohne Mr. Collins zu nahetreten zu wollen -, es ist höchst unklug, all ihre weltlichen Besitzungen bedingungslos in die Hände eines anderen zu geben.«
Sebastian schnaubte. »Aber habe ich das nicht längst, Mr. Whitby?«
Der Anwalt räusperte sich und druckste eine Weile lang herum. »Es ist eine Frage der Vertrauenswürdigkeit, Euer Lordschaft, und des Verantwortungsbewusstseins. Ich war, seit mein eigener Vater gestorben ist, der Anwalt Ihres Vaters. Damals waren Sie kaum aus den Windeln, und unser beider Beziehung ist in höchst präziser Juristensprache geregelt.«
»Wohingegen Daniel nur mein Cousin ist, den ich von Kindesbeinen an kenne«, brachte Sebastian Whitbys Überlegungen zu Ende. »Ich kann Ihre Bedenken nicht verstehen.«
»Ich habe auch nicht wirklich geglaubt, dass Sie das können, Euer Lordschaft«, seufzte Whitby. »Ich habe in der Angelegenheit einen sehr diskreten Anwalt in Venedig kontaktiert, und ich bin sicher, dass er Ihnen jegliche erforderliche Unterstützung gewähren wird.«
»Sehr gut«, sagte Sebastian, drehte sich um und betrachtete den flachen, grauen Strich der See. »Dann lassen Sie die Kutsche vorfahren, und ich werde ohne weitere Verzögerung aufbrechen.«
»Nimm dich in Acht, alter Junge«, sagte Daniel.
Sebastian lächelte gepresst und voll des Zorns, der während der letzten drei Monate wie ein Krebsgeschwür in ihm gewuchert war. Er ging im Geiste seine akribischen Pläne durch, suchte nach Fehlern und fand keine. Sollte die Welt ihn für tot halten, denn dann ... konnte er sich ohne Angst vor Entdeckung bewegen.
»Ich bin nicht derjenige, der sich in Acht nehmen sollte.«
Die Fähre schaukelte und schlingerte bedenklich abrupt in der kabbeligen See, hob und senkte sich lange nicht so würdevoll wie das Dampfschiff, das sie am Tag zuvor verlassen hatten.
Sarah Connolly stand zwischen Lady Merrill und Mr. De Lint an der Reling und mühte sich, durch den Nebel einen ersten Blick auf die Küste zu werfen, während die Enkeltochter der Lady mit ihren Freunden plauderte und der grauen Adria den Rücken zukehrte.
Venedig. Der Name war wie ein Versprechen. Von Triest erinnerte sie sich nur an die mit Stuck verzierten Fassaden im Dämmerlicht, die sie auf der Fahrt vom Dampfschiff zum Hotel gesehen hatte, und das Hotel hatte auf enttäuschende Weise dem in Southampton geähnelt. Aber Venedig - Venedig würde sie, konnte sie nicht enttäuschen. Seit ihre Arbeitgeberin das erste Mal von ihrem Vorhaben gesprochen hatte, den Frühling in Venedig zu verbringen, hatte Sarahs Phantasie sich an das Versprechen La Serenissimas geklammert. Und Sarahs unausgesprochene, halb verzweifelte Dankbarkeit für diese Chance hatte sie die findigen Quälereien Mr. De Lints mit einer Haltung ertragen lassen, von der sie nicht gewusst hatte, dass sie sie besaß.
Sarah starrte den flachen Streifen aus dunklerem Grau an, der sich wie eine Trennwand aus dem verschwommenen Gemenge aus See, Land und Nebel erhob. Die Küste sah immer noch so aus, wie sie schon seit Triest aussah; ein lang gezogener, öder Landstreifen, gelegentlich von einer Ruine unterbrochen, die sich gerade mal ein Dutzend Meter zum Himmel erhob, bevor sie zertrümmert ins Marschland zurücksank, und sie fragte sich langsam, ob sie je ankommen würden. Endlich erkannte sie geradeaus eine Kluft im Küstenstreifen, und ein paar Minuten später glitt die Fähre zwischen den Armen zweier schmaler Landstreifen hindurch - sie hatte nicht die tatsächliche Küstenlinie gesehen, stellte sie fest, als sich vor der Fähre die Wasser öffneten. An irgendeinem Punkt war die Adriaküste in die Nehrung übergegangen, die die Lagune von Venedig schützte.
Jetzt waren sie in der Lagune, und Sarah hielt angestrengt nach den ersten Anzeichen der berühmten Stadt Ausschau. Erdklumpen, Seegras und Tang trieben überall, wohin sie sah, im schlammigen Wasser, und Hunderte hölzerne Pfosten, die in den Grund der Lagune versenkt waren, ragten in einem verwirrenden Muster aus dem Wasser. Vor der Fähre schienen schmale dunkle Pfeile den Nebel zu durchdringen, flache Boote, die zwischen den verschiedenen Inseln dahinglitten.
Hundert Herzschläge lang war das alles, bis sich, die Distanz vom Nebel wie verkürzt, endlich eine knochenweiße Masse vor den unruhigen Wassern abzeichnete; die Masse löste sich, je näher sie kamen, in Türme und Kolonnaden aus bleichem Marmor und rotem Ziegel auf, die von Straßen aus brackigem Lagunenwasser durchzogen waren.
Es war wunderschön. Es war nicht im Geringsten so, wie sie es sich vorgestellt hatte, aber es war schön; als hätte sich die Stadt einer ertrunkenen Meerjungfrau gleich aus den Tiefen erhoben. Sie atmete aus, wobei ihr gar nicht bewusst war, dass sie den Atem angehalten hatte, und ihr Herz hüpfte in der Brust.
»Ist das ein Anblick?«, sagte Mr. De Lint mit einem Anflug von Herzlichkeit, die Sarah ihm nicht wirklich abnahm, und riss sie aus ihren Tagträumen.
Sie wusste nicht, ob er sie oder seine Mutter meinte; diesen Trick hatte er früher schon benutzt, um sie in Verlegenheit zu bringen, also nickte sie nur ein wenig und hielt den Blick geradeaus gerichtet.
»Ich wette, Sie hätten sich nie träumen lassen, einmal hier zu sein«, fuhr er in demselben viel zu unbeschwerten Tonfall fort.
Sarah sah auf und schaute ihm fest in die bernsteinfarbenen Augen. Augen von einer Farbe, die nicht hätte kalt wirken dürfen, doch seine taten es, und sie blitzten auf eine Weise, die ihr klar machte, dass der Hinweis auf ihre Abstammung weder zufällig noch ohne Hintergedanken war.
»Ich folge Lady Merrill gerne dort hin, wo sie hinzugehen beliebt, Sir«, sagte sie leicht errötend.
»Welch tugendhafte Demut«, murmelte er und suchte ihr Gesicht mit harten Augen und einem Ausdruck ab, der fast schon hungrig war und jede Pockennarbe fand, die ihre Haut verunzierte.
Sie drehte den Kopf weg, die breite Krempe ihres altmodischen Huts schützte sie vor seinem Blick.
»Sarah ist wirklich die perfekte Gesellschafterin«, sagte Lady Merrill, die für die Spannung, die in der Luft lag, unempfänglich war. Sie tätschelte Sarahs Hand, die sich neben ihrer mit weißen Knöcheln um die Reling klammerte.
»Sie machen es mir leicht, Sie zufriedenzustellen, Eure Ladyschaft.« De Lints Worte verunsicherten sie immer noch, und sie wusste, dass ihre Stimme etwas hohl klang. Aber es stimmte; Lady Merrill war, trotz all ihrer Fehler, eine bemerkenswert anspruchslose Herrschaft. Hätte sie mit Sicherheit sagen können, dass alle künftigen Arbeitgeberinnen so angenehm wie diese sein würden, Sarah wäre mehr als glücklich gewesen, den Rest ihres Lebens als Gesellschafterin zu verbringen. Die launische Enkelin und deren flatterhafte Freunde ertrug Sarah mit Gleichmut. Wäre da nur nicht der Sohn gewesen ...
»Möchtest du den Karneval sehen?«, fragte Mr. De Lint über Sarahs Kopf hinweg, als habe sie just in dem Augenblick, als seine Aufmerksamkeit sich anderen Dingen zuwandte, aufgehört zu existieren.
»Den Karneval?«, fragte Lady Merrill. »Der ist doch seit einem Dreivierteljahrhundert tot!«
Ihr Sohn lachte. »Oh, er ist nie wirklich gestorben, und nachdem Venedig sich von den gierigen österreichischen Unterdrückern befreit hat ...« Er warf sich in Pose. »... haben gewisse jugendliche venezianische Elemente sich dazu entschlossen, seine berühmt-berüchtigten Festivitäten das ganze Jahr über aufleben zu lassen. Privat, natürlich, und mit weit mehr Geschmack und Diskretion, als in früheren Zeiten.« Sarah konnte seinem Tonfall nicht entnehmen, ob er das für eine Verbesserung hielt. »Manche sind Parteigänger des neuen italienischen Königreichs; andere wünschen sich die Tage der Republik zurück. Aber was zählen schon ihre Beweggründe, du wärst in jeder ihrer Masken eine frappierende Schönheit, Mutter, wenn ich so verwegen sein darf.« Er schlug einen übertrieben schmeichlerischen Tonfall an.
Lady Merrill lachte mädchenhaft. »Oh, diese Tage sind lange vorbei. Ich muss die Gesellschaft nicht mehr schockieren! Und abgesehen davon würde Sarah vor Verlegenheit sterben, eine siebzig Jahre alte, weiße Haremsdame begleiten zu müssen, und was Anna und ihre jungen Freundinnen denken würden, möchte ich gar nicht wissen.«
»Was ist denn, Großmama?«, Lady Anna drehte sich um und unterbrach ihr Geplauder mit den Morton-Schwestern, weil sie ihren Namen gehört hatte.
Sarah sagte nichts, während Lady Merrill antwortete, und hoffte nur, dass die Unterbrechung Mr. de Lint ablenken würde. Doch sie spürte, wie sein Blick sofort zu ihr zurückkehrte.

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