In vier umfangreichen Kapiteln geht der Autor der Frage nach, was Bewusstsein ist, ob es künstlich entwickelt werden kann und was wir von künstlicher Intelligenz zu erwarten hätten. Der Autor stellt wohl zu Recht fest, dass das Bewusstsein als Phänomen und in seiner Funktionsweise neben der Vereinheitlichung der vier grundlegenden Naturkräfte eines der letzten großen Rätsel unserer Welt sein könnte (S. 29). Der Hirnforschung fehlt bisher jede Erklärung für Entstehen und Funktion von Bewusstsein, von einer Theorie ganz zu schweigen.
Im ersten Kapitel beschreibt der Autor in verständlicher und übersichtlicher Form die biologische Evolution und die Eigenschaften der natürlichen Intelligenz. In diesem Zusammenhang thematisiert er - naheliegender Weise, weil zentral mit dem Bewusstsein und dem Selbstwertgefühl des Menschen verknüpft - die Fragen nach der Existenz eines freien Willens, lässt aber eine endgültige Antwort noch offen. Auch das philosophisch in vielfältiger Weise über die Jahrhunderte diskutierte Geist-Körper-Problem kommt hier in neuer Perspektive zur Sprache.
Dem zweiten Kapitel stellt er ein Wort des Hirnforschers Gerhard Roth voran, wonach unter der Voraussetzung, dass alle Vorgänge im Gehirn auf den bekannten Naturgesetzen beruhten, dieses informationsverarbeitende System im Prinzip dann auch nachgebildet werden könne. Folgerichtig untersucht der Autor dann die theoretischen (u.a. Turing-Maschine, Gödel-Theorem) und technischen Möglichkeiten (u.a. Mooresches Gesetz, grundsätzliche Möglichkeiten der technischen Informationsverarbeitung) sowie Grenzen der Konzepte zur Erzeugung künstlicher Intelligenz. In diesem Zusammenhang stellt der Autor die entscheidende Frage, ob es nämlich prinzipiell möglich sei, Bewusstsein künstlich zu erzeugen, ohne hierfür über eine Theorie des Bewusstseins zu verfügen. Er antwortet darauf mit dem Verweis auf die Evolution, die es geschafft habe, aus unbelebter Materie über viele Zwischenschritte Wesen mit Bewusstsein zu schaffen, ohne dass es des Eingreifens einer höheren, intelligenteren, eine Theorie besitzenden Macht bedurft habe.
Im dritten und vierten Kapitel befasst sich der Autor mit der "nahen und fernen Zukunft", was naturgemäß bedeutet, die sicheren Grundlagen heutiger Wissenschaft und technologischer Möglichkeiten schrittweise zu verlassen. Zunächst werden bereits praktizierte Beispiele neuronal gesteuerter künstlicher Gliedmaßen und informationsverarbeitender neuronaler Implantate zur Unterstützung oder Ersatz von Gehör und Sehfähigkeit besprochen. Sie allein zeigen schon so erstaunliche Leistungen, dass sie vor kurzem noch als nicht realisierbar galten. Der Autor beschreibt sodann existierende Robotersysteme, die neben kognitiven Funktionen auch emotionale Reaktionen zeigen und - unterstützt durch natürliches Aussehen - lebenden Systemen, wie z.B. einer Katze, so täuschend ähnlich sind, dass die Grenze zwischen natürlich und künstlich zu verschwimmen scheint.
Schon in absehbarer Zukunft wird sich die Frage stellen, wo die Grenze zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz verläuft, wenn in einem Menschen immer mehr kognitive Funktionen, die durch Krankheit oder Unfall verloren gingen, durch elektronische oder elektronisch-biologische Systeme ersetzt werden können. Wie weit kann der künstliche Ersatz getrieben werden? Ist damit zu rechnen, dass solchen hochkomplexen informationsumsetzenden, zunehmend autonom arbeitenden Systemen dereinst Qualitäten wie Bewusstsein und Emotionalität zugesprochen werden können, die nicht wie bisher allenfalls simuliert werden?
Diese Frage ist dann zu bejahen, wenn man davon ausgeht, dass natürliches Bewusstsein ein emergentes Produkt ist, das heißt, durch eine spezifische Zusammenschaltung von informationsverarbeitenden Elementen oder Teilsystemen entsteht. Gemäß dem bekannten Satz, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, verfügt ein Netz von Neuronen, die sich miteinander im Informationsaustausch befinden, zusätzlich über ganz andere Eigenschaften als ein einzelnes Neuron. So wie eine spezifische Zusammenschaltung von Spule, Kondensator und Widerstand die Fähigkeit aufweist, elektrische Schwingungen zu erzeugen, eine Fähigkeit, die keinem der aufgezählten Elemente allein zukommt. In der Natur finden wir allenthalben die Fähigkeit der sich organisierenden Materie vor, sich zu komplexeren Einheiten mit völlig neuartigen Eigenschaften weiter zu entwickeln, und in der Technik wird dieses Entwicklungskonzept schon längst erfolgreich nachgeahmt. Die Entdeckung des Konzepts der Emergenz lässt die Hoffnung der Neurologen berechtigt erscheinen, durch systematische Untersuchung von hochgradig komplex verschalteten neurologischen Netzen die mit ihnen korrespondierenden, psychisch genannten Verhaltenseigenschaften nach und nach messbar zu machen und in ihrem Zustandekommen zu erklären.
Volle Zustimmung zu der von Vowinkel hervorgehobenen Aussage (Seite 111): "Ich sehe keinerlei Notwendigkeit, warum eine solche künstliche Intelligenz biologischer Natur sein müsste." Wenn die Qualitäten bzw. Prozesse wie Denken, Fühlen, Bewusstsein emergente, das heißt durch spezifisches Zusammenwirken von Elementen und Systemen enstandene Produkte der Natur sind, dann kommen sie erklärbar, das heißt auf der Basis materiell-energetisch beschreibbarer Prozesse, zustande, können dann also prinzipiell auch künstlich nachgebildet werden.
Die Feststellung, dass Denken, Fühlen und Bewusstsein emergente Eigenschaften sind, erklärt noch nicht viel, unterstellt aber, dass diese Phänomene natürliche Systemeigenschaften sind, die folglich mit wissenschaftlichen Methoden untersucht werden können. Die Anwendung des Konzepts der Emergenz in der Hirnforschung stellt somit einen weiteren Schritt zur Entmystifizierung des Geistes dar, wie der Autor feststellt (S. 147)
Eine weitere Problematik entzündet sich an der ethischen Frage, welche dieser Entwicklungen gesellschaftlich eigentlich wünschenswert sind, welche möglicherweise mit unübersehbaren Folgen verbunden wären und daher unterbleiben sollten. Irgendwann würde auch die Frage akut, ob einem künstlichen Wesen, das über Bewusstsein und Empfinden verfügt, humane Rechte zuzubilligen sind, zum Beispiel das Recht auf "Unversehrtheit" oder "Eigenständigkeit".
Besonders interessant und ebenso brisant ist natürlich das vierte Kapitel, das sich mit der voraussichtlichen Zukunft künstlicher informationsverarbeitender Systeme befasst. Einem bekannten Bonmot zufolge, sind Voraussagen immer schwierig, besonders dann, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Um es gleich vorweg zu sagen, ich halte dieses Kapitel - anders als das ein anderer Rezensent hier sieht - für sehr lesenswert. Und zwar weniger der inhaltlichen Ausführungen wegen, die müssen naturgemäß - der Autor sagt es ganz ausdrücklich auch selbst - spekulativ sein. Der Wert liegt in den wohlüberlegten Fragen, die er an die zukünftige Entwicklung stellt. In der Wissenschaft, speziell in den Naturwissenschaften, war es stets so, dass nur die richtigen Fragen an die Natur weiterführten. Wichtige Entdeckungen oder theoretische Einsichten entstanden erst aus der geeigneten Perspektive, die folgerichtige Fragen an die Natur erlaubten bzw. nahelegten. Die Visionen, die der Autor entwickelt, lassen erkennen, wie sehr die Menschheit einerseits noch "in den Kinderschuhen" steckt, was aber andererseits als geradezu unglaubliche Entwicklung denkbar erscheint.
Zusammengefasst: Wie gut mir ein Buch gefällt und wieviele neue oder vertiefende Einsichten es mir vermittelt, ist immer an der Vielzahl an Anstreichungen erkennbar, die ich bei dessen Lektüre vornehme. Es handelt sich um ein gehaltvolles und lesenswertes Buch, das ahnen lässt, nein deutlich macht, dass der Mensch in seiner jetzigen physischen, psychischen und ethisch-moralischen Verfassung langfristig gesehen nur eine Übergangserscheinung darstellen dürfte.