Was verbindet unsere Zeit mit jener von Jesus? Kann man aus seinen Lehren heute noch Kraft gewinnen? Die Anhänglichkeit an die Kirchen mag zwar vielfach rückläufig sein, aber jedenfalls werden nach wie vor immer wieder Bücher über ihn geschrieben und Filme gedreht, die auch ein größeres Publikum erreichen. Aber es ist leicht die Bilder über eine ferne Zeit in einem fernen Land nachher wieder zu vergessen und wieder in den Alltag einzutauchen ohne etwas dazugelernt zu haben. Abel Ferrara wehrt sich gegen dieses Dillemma indem er nicht das Leben Jesus, sondern den Einfluss der biblischen Geschichte auf das Leben der Menschen zum Thema seines Filmes macht. Mit einem absoluten Superstarensemble wird Mary zur faszinierenden Reflexion über den zeitlosen Wert einer uralten Botschaft.
Die Story und der Aufbau des Films sind bewusst komplex. Alles beginnt damit, dass in Israel die Dreharbeiten zu dem Film "This is my blood", der die Geschichte Jesu aus der Perspektive der Maria Magdalena erzählt, zu Ende gehen. Die Schauspielerin der Maria, Marie Palesi (Juliette Binoche), weigert sich das heilige Land zu verlassen, da sie so tief in ihre Rolle eingetaucht ist, dass sie für sie zu einem spirituellen Erweckungserlebnis wurde. Sie hört mit der Schauspielerei auf und beginnt eine Sinnsuche auf den Spuren Jesus. Ein Jahr später will der Regisseur und Jesus Darsteller Tony Childress (Matthew Modine) seinen Film in New York präsentieren und möchte sich dafür der Hilfe des Talkshow Moderators Ted Younger (Forest Whitaker) versichern, der gerade eine ganze Sendereihe dem Thema Jesus gewidmet hat. Younger will sich jedoch nicht nur auf die Meinung des egomanischen Regisseurs verlassen und versucht auch mit Hauptdarstellerin Marie in Verbindung zu treten, die sich immer noch in Jerusalem aufhält. Als der Moderator sie schließlich per Telefon erreicht, weiß er trotz der vielen Gespräche die er über Jesus schon geführt hat nicht, wie er auf ihre Frage, ob er an Jesus glaube, reagieren soll und gibt zu, es nicht zu wissen. Doch kurz darauf wird Youngers schwangere Frau überraschend ins Krankenhaus gebracht und sie und das Kind schweben in Lebensgefahr. In dieser Krisensituation lernt der egoistische Moderator erstmals die Botschaft Jesus für das eigene Leben anzuwenden...
Der Film zeigt sowohl die Sinnsuche des Moderators Younger im chaotischen New York, die von Marie Palesi im politisch gespaltenen Israel und durch immer wieder eingestreute Szenen des Films "This is my blood" auch jene von Maria Magdalena. Dabei wird klar, dass sich die drei Schicksale gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Immer wieder wird per Parallelmontage zwischen Maries Spaziergängen im umkämpften Israel und den Autofahrten Ted Youngers durch die von Neid und Unterdrückung bestimmten Slums von New York hin und her gesprungen. Dazu kommen noch die Anfeindungen die der Regisseur Tony Childress von fundamentalistischen Gegnern seines Films erfährt und diejenigen die Maria Magdalena von den anderen Jüngern Jesu erfuhr, weil sie eine Frau war. Misstrauen und Hass scheinen zu allen Zeiten und überall den inneren Frieden, den Jesus verkündigte, zu bedrohen. Eine der Filmszenen aus "This is my blood" zeigt wie der Messias seinen Jüngern prophezeit, dass man sie verfolgen wird - eine andere wie er ihnen die Füße wäscht und damit signalisieren will, dass Liebe alles Trennende aufheben kann.
Ferraras Filme hatten immer starke theologische Untertöne, aber hier stehen diese ganz im Mittelpunkt und er fügt sogar immer wieder Interviews mit echten Wissenschaftlern ein, die in Youngers Talkshow über die Bedeutung Jesus reden. Dabei kommt allerdings eine sehr persönliche Deutung der Botschaft Jesus heraus, die eigentlich ganz schlicht und direkt ist und gerade die Sünder zur Umkehr ruft. Younger und Palesi sind mutig genug den Schritt zu vollziehen, während der arrogante Regisseur Childress seinen eigenen Film nicht verstanden zu haben scheint. Damit theamtisiert "Mary" auch die Verluste, die man bereit sein muss in Kauf zu nehmen, wenn man sich dazu entscheidet, wirklich liebend für jemand anderen dazusein. Denn nichts anderes als Liebe wird hier als die fundamentale Grundaussage Jesus beschrieben. Eine im Grunde scheinbar einfache Wahrheit, die aber offensichtlich so unglaublich schwer anzunehmen ist, dass es auch über 2000 Jahre nach Maria Magdalena noch nicht geschafft ist.
Der enorm künstlerische Regiestil Ferrars und die umwerfenden Leistungen der Schauspieler, machen Mary zu einem Meisterwerk. Schade ist lediglich, dass der Film ein wenig kurz geraten ist und das Ende ein wenig zu abrupt kommt. Nimmt man sich jedoch die Zeit über diesen schwierigen Film nachzudenken, wird man bewundern, wie großartig hier alles ineinandergreift, um eine starke Botschaft zu transportieren.
DVD: Zum Glück sowohl Deutsch als auch Englisch vorhanden und korrektes 16:9 Format mit guter Qualität. Extras fehlen aber leider völlig, was schade ist. Da es gerade über diesen Film sehr viel zu sagen gebe.