Obwohl der Titel der Platte fast so klingt, als wäre hier ein verschollenes Album der Vorgängerband wieder aufgetaucht, darf man keineswegs den Kapitalfehler machen und „Mary Star of the Sea" nach den Maßstäben der Smashing Pumpkins -deren Geist wie eine anklagende Wolke über der Platte hängt- bewerten.
Trotzdem: Um zu verstehen muss man den Vergleich ziehen.
Jimmy Chamberlain und Billy Corgan: Der eine Motor, der andere Gesicht und Stimme von Zwan melden sich knapp 2 Jahre nach dem Split einer der wichtigsten, besten und manchmal auch schwierigsten Band der 90er zurück, und sie sind nicht allein: Matt Sweeney und David Pajo, bisher eher erfolglose Alternative-Rocker sowie Paz Lenchantin, Bassistin des Tool-Nebenprojekts A Perfect Circle machen die neue Supergroup perfekt.
Schon die Vorgeschichte und das Line-Up mit seinen 3 Gitarristen werfen die Hauptfragen auf: Wie klingen Zwan ? Wie die Pumpkins ? Noch verspielter, entrückter, komplexer ?
Das Gegenteil ist der Fall: POP. Drei Buchstaben, für gewöhlich eher abfällig geäußert, werden zu existentiellen Lebensweise erhoben. Dazu Gitarren. Viele Gitarren. Melodische, Akustische, Elektrische Gitarren. Gitarrensolos. Plus: Ein Billy Corgan, der wie eh und je unentwegt danach strebt, den perfekten Song zu schreiben.
Es ist erstaunlich, wie relaxt, beschwingt und leichtfüßig „Mary Star of the Sea" daherkommt.
Doch zunächst ein kleiner Exkurs in die Vergangenheit: am 16.11.2001 spielen Zwan im Glass House in Ponoma, California, ihre erste Show. Eine verrückte Mischung aus melodiösen Songperlen und Rockigen Stücken, von denen letztendlich drei auf dem Album landen werden, der Instant- Hit „Of a Broken Heart", „Jesus, I" und „El Sol", wahrscheinlich der Top-Anwärter auf die Nachfolge von „1979" oder „Perfect".
Auf den nun folgenden 2 Minitouren benimmt sich die junge Band wie ein musikalisches Chamäleon, verkörpert mal eine Akustische Folk-Inkarnation einer Alternative-Band („The Djali Zwan"), mal ein Pop-Metal-Monster („The True Poets of Zwan") um langsam in ihre aktuelle Form zu fliessen.
Mehr als 60 Stücke Musik sind das Ergebnis. Corgan schüttelt Songs aus dem Ärmel als wäre er der David Copperfield der Musikszene. Es kommen unter anderem traditionelle Rocker („Cast a Stone", „Candy Came Calling"), doomige Heavy Metal-Stücke ("Spilled Milk"), melancholische ("Broken Heart", "Love lies in ruin"), folkige ("Come with me" , "Pony Express") und psyedelische-lange ("A New Poetry", "Jesus, I", "Ring the Bells") Stücke dabei heraus. Kurz: die ganze Bandbreite des Spektrums, dass man als Die-hard-Pumpkins Fan gewohnt ist.
Irgendwo hier passiert das Ungewöhnliche: Corgan hat sichtbar Spass an der Sache. Der ewig düster-ernste Melancholiker und Zyniker blüht plötzlich auf, reisst Witze auf seinen Konzerten (Fan: „I love you" Billy: „Many have claimed Love, but few have delivered") und verkündet konsequenterweise, dass „Mary Star..." ein besonders zugängliches Album werden wird. Tatsächlich sucht er bis auf eine Ausnahme („Jesus, I") die poppigsten Stücke aus, entwirft ein 70er Jahre Artwork, dass das Kiss Logo mit der Beatles Attitüde kreuzt und lässt seine Band genau so klingen.
„Honestly", erste Single, ein Song der das Prädikat Pop/Rock wirklich verdient und archetypisch für den neuen Zwan-Stil ist, klebt mit der Zeit wie ein Blutegel im Ohr mit seinem simplen Refrain und schönem Solo. Und der Song hat, wie die Platte, eine tiefere Ebene, die sich aber erst nach mehrmaligem Hören erschliesst. Beim ersten Durchlauf noch so-na-ja, hört man beim 4.Mal schon genauer hin, und es stellt sich ein A-ha-Effekt ein. Nach einiger Zeit ist klar: Das hier ist gut. Ziemlich gut. „Mary Star of the Sea" hat das Zeug, der erste Klassiker einer neuen, großen Band zu werden.
„El Sol", deutliches Highlight, fängt da an, wo „Try, Try, Try" aufhörte. „All I wanted... A little Sunshine" singt Corgan, und zwar besser, vielleicht weil relaxter als je zuvor, scheinbar das Motto seiner neuen Band. Das Album klingt insgesamt so, als wollte der Frontmann, der an allen Songs mindestens mitgeschrieben hat, den anderen zeigen, wie man sich zurücklehnt und das Spiel trotzdem aktiv anlaufen lässt. Er wird auf keinen Widerstand stossen: Das hier ist zu sehr Pumpkins, um von den Fans gehasst zu werden, es ist zu sehr Pop, um von der Presse schlechtgeredet zu werden, vor allem: Es hat zu starke Songs, um sang- und klanglos unterzugehen.
„Now you can't disagree / With how i choose to live / But Freedom isn't free / Unless you learn how to give" verkündet Billy zornig in Richtung seiner Kritiker zwischen den Zeilen des letzten Refrains von "Endless Summer", das das Zeug zum Alternativ-Sommer-Hit 2003 mitbringt. Übrigens die einzige zornige Stelle des Debüts.
Überhaupt: Sommer, Frühling, Liebe. Die Smashing Pumpkins hatte Herbstplatten, aber hier ist eine Frühlingsplatte, bei der man am liebsten die Wolken umarmen möchte.
„Of a Broken Heart" und „Heartsong" lassen alle Herzen skriptgerecht schmelzen mit ihrer schlichten Schönheit, während die Folk-Nummer „Come with Me" mal wieder die Vielseitigkeit des Mr.William Corgan beweist. Ich kann ihn glatt am Lagerfeuer sitzen sehen mit Gitarre und Mundharmonika.
„Baby Let's Rock !" und "Yeah !" sind zuckersüßer Bubblegum-Rock, und zwar einer der zeigt, wie gut man auch solche Musik machen kann, wenn man es denn beherrscht.
Wenn man danach glaubt, die Platte steuere auf ihr Ende zu, ist man im Irrtum: Das beste kommt erst noch: Zum Beispiel „Desire", die genialste Corgan-Ballade seit Jahren, die in knapp 3 Minuten dass schafft, wozu man früher 6 Minuten gebraucht hätte.
Das eindeutige Highlight „Jesus, I / Mary Star of the Sea" lässt, fast wie zum Abschied, schließlich noch einmal eine andere Sonne aufgehen: Die des Covers von „Mellon Collie and the Infinite Sadness".
Zwischen zahllosen Solos und verzerrten Gitarrenmelodien versunken, verbirgt sich dann ein Zwan/Pumpkins-Song-Bastard, der Tränen in die Augen treibt. „Everything just feels like Rain" klagt Corgan mit einem hörbaren Zwinkern (ich hörs ! ;-) ) in Richtung der Millionen, die seine alte Band liebte, und aus denen 95% der jetzigen Zwan-Anhänger rekrutiert sind.
Dazwischen: Gott, Sonnenschein, immer wieder Liebe, und kraftvolle Power-Pop-Nuggets, die das Rückgrat des ganzen Albums bilden („Declarations of Faith", „Ride a Black Swan", „Lyric").
Man hört den Spass und die Spielfreude, die diese Band live zu einem einzigen Stil-Wahnwitz machen, in jeder Note.
Hoffentlich behalten sie die alten Songs im Programm - wahrscheinlich ist es nicht.
Wahrscheinlich nehmen sie das nächste Mal die komplexeren Stücke auf - hoffentlich nicht: So sehr es mir als Pumpkins- Fan wehtut, diese Band ist einfach zu gut und zu aufregend in dieser Form, um in altbekannte Corgan-Schemata zurückzufallen. Obwohl: Mit 3 Gitarristen ? Das wäre doch das neo-psyedelische Art-Rock-Ungeheuer schlechthin... (in dem Punkt bin ich schizophren wie Gollum ;-) ).
Fazit: Wer hier nach seiner neuen Lieblingsband sucht, wird nicht fündig werden (vielleicht können A Perfect Circle oder Muse diesen Job irgendwann mal übernehmen).
Stattdessen ist „Mary Star of the Sea" ein starkes und erwachsenes Album von 5 Vollblutmusikern, die genau wissen was sie wollen, und denen es sichtlich Spaß bereitet, für uns Musik zu machen. Was könnten wir mehr erwarten als diese Pure Corgan-Pop-Magie ??? 8,5 Punkte.
Highlights: Come with Me / Jesus, I / Broken Heart / El Sol / Desire