Der wohl bezauberndste und beste Stop-Motion-Animationsfilm kommt aus Down Under, soviel steht jetzt fest. Und wohl auch der erste Langfilm dieser Art, der sich an eine erwachsene Zielgruppe richtet. Für Kinder unter 12 wäre dieses Werk in seiner Komplexität und seinem Anspruch definitiv überfordernd und auch für Kinder ab 12 halte ich diesen Film nur für bedingt geeignet. Für Erwachsene jedoch ist dieser Film eine wahre Offenbarung. Mit soviel Liebe zum Detail umgesetzt, so phantasievoll erdacht und von einzigartiger Kreativität hat Regisseur Adam Elliot hier eine Welt erschaffen, die so witzig, skurril, melancholisch, dramatisch, traurig, ergreifend und außergewöhnlich ist, dass man den Film definitiv mehr als einmal sehen muss, um ihn in seiner ganzen Vielfalt überhaupt wahrzunehmen. Fernab von Kitsch, stereotyper Romantik und verallgemeinerndem Schubladendenken hat Elliot, der auch das Script verfasst hat, eine so zauberhafte Geschichte ersonnen, dass man ihn spontan mit sämtlichen Preisen der Filmbranche überhäufen möchte. Immerhin hat Elliot bereits 2004 den Oscar für den besten animierten Kurzfilm ("Harvie Krumpet") bekommen.
Mary Daisy Dinkle ist acht Jahre alt und lebt Mitte der 70er Jahre in einem Vorort von Melbourne, Australien. Sie ist ein unglückliches Kind, welches nur beim Anschauen ihrer Lieblingsfernsehserie und dem Löffeln von gesüßter Kondensmilch einen Hauch Zufriedenheit verspürt. Die Mutter trinkt, raucht und stiehlt, der Vater, der in einer Fabrik Bändchen an Teebeutel heftet, verbringt seine Freizeit lieber damit, totgefahrene Tiere von der Straße aufzusammeln und auszustopfen. Auch in der Schule wird Mary aufgrund ihres, Zitat: kackafarbenen Muttermals auf der Stirn gehänselt. Als sie eines Tages durch Zufall auf ein Telefonbuch von New York stößt, reißt sie sich wahllos eine Adresse heraus und beginnt, einen Brief an Max Jerry Horowitz zu schreiben. Aus dieser spontanen Aktion entsteht eine über 20 Jahre andauernde Brieffreundschaft, denn auch Max ist ziemlich einsam. Er ist 44, übergewichtig und leidet unter dem Asperger Syndrom (einer Form von Autismus). Mary beginnt, Geld zu sparen, um Max besuchen zu können, aber immer wieder kommt irgendetwas dazwischen, darunter auch ein achtmonatiger Aufenthalt von Max in der Psychiatrie. Dennoch, das einmal geknüpfte Freundschaftsband reißt nicht, nun gilt es nur noch herauszufinden, ob die Beiden es schaffen, sich eines Tages doch mal von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.
Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, diesen wunderbaren Film zu loben. Die Story ist so skurril wie herzerwärmend, jeder Charakter wurde sorgfältig kreiert und mit so schrägen wie liebenswerten Eigenschaften ausgestattet (nun gut, mit Ausnahme von Daisys Eltern, die sind nur schräg) und die hier angewandte Stop-Motion-Technik ist ein einzigartiges visuelles Erlebnis. Weitere technische und dramaturgische Kniffe sind, dass der Film sepiafarben daherkommt und nur durch einige Farbtupfer ab und an bewusst "aufgehellt" wurde. Auch der Off-Erzähler, der uns wunderbar und pointiert durch die Geschichte führt, ist ein Gewinn für den Film. Werden die Charaktere im Original von Tony Colette, Philip Seymour Hofmann, Eric Bana und Barry Humphries (Dame Edna) gesprochen, hat man sich in Deutschland auf mir nicht bekannte Sprecher (Gundi Eberhard, Helmut Krauss, Sebastian Schulz und Boris Aljinovic) verlegt, die ihre Sache aber ganz hervorragend machen.
Der immerhin 92minütige Film vergeht wie im Flug, es kommt zu keinem Zeitpunkt auch nur ein Hauch Langeweile auf. Die Geschichte und die visuelle Umsetzung nehmen einen derart gefangen, dass man sie problemlos noch länger hätte weiterschauen können und wollen. Selbst wenn man den Film als eine Mischung aus "Die fabelhafte Welt der Amélie" und "Wallace & Gromit" bezeichnet, wird man ihm nicht mal im Ansatz gerecht. "Mary & Max" verdient es, als komplett eigenständiges und wirklich unvergleichliches Werk gesehen zu werden, dessen Symbiose aus fantastischer Stop-Motion-Technik und herzergreifend exzentrischer Story perfekt gelungen ist. Der Film wurde mit so vielen liebevollen Details und Charakteren versehen, dass man aus dem Staunen und Lachen gar nicht mehr herauskommt. Und natürlich fügt sich auch der Score perfekt in Marys und Max wundersame Welt ein.
"Mary & Max" ist ein großartiger, perfekter, wunderbarer und einzigartiger Film, der weder den Vergleich mit Hollywood noch den mit den bis dahin wohl bekanntesten Stop-Motion-Filmern, den "Wallace & Gromit"-Erfindern, zu scheuen braucht. Besonders hervorzuheben ist hier, dass die Geschichte eindeutig für Erwachsene ersonnen wurde, was die teilweise sehr düsteren und traurigen Sequenzen immer wieder betonen. Nichtsdestotrotz schließt man sowohl Mary als auch Max sofort in sein Herz und lacht und leidet mit ihnen mit. Ganz, ganz großes Kino mit einem Film, der hoffentlich nicht übersehen wird. Eine dringende Anschau-Empfehlung für wirklich jeden, weil es genau diese kleinen, feinen cineastischen Kunstwerke sind, die das Leben (für mindestens 92 Minuten) lebenswert machen. "Mary & Max" ist der beste Film dieses Genres, den ich seit Jahren gesehen habe, wenn nicht sogar der beste überhaupt. Ich bin begeistert, ergriffen und noch mal begeistert. Volle fünf von fünf außergewöhnlichen Momenten, die einem dieser Film schenkt (es sind natürlich viel, viel mehr).