Ein Buch, das polarsiert. So weit also können Meinungen auseinander gehen, wenn man die hier veröffentlichten Rezensionen liest. Vielleicht aber beruhen die schlechten Bewertungen auf einem simplen Missverständnis? Wenn man bei der Lektüre einen Mega-Thriller, möglichst mit mehr als einer Leiche und x bizarren Wendungen erwartet, dann liegt man mit diesem Buch wahrscheinlich wirklich falsch.
Es ist vielmehr ein hochspannendes Psychogramm und zwar eines, das sich nicht so sehr mit der perversen Seele des Mörders sondern mit dem Leiden der Mutter befasst. Über den Täter kann sich der Leser seine eigenen Gedanken machen, Parsons liefert einiges an Material, aber sie überrreicht nicht auf so billige Weise ein Fix-Fertiges-Motiv wie es viele (schlechte) Thriller tun.
Das, was manche Rezensenten als langweilig und handlungshemmend empfinden, etwa die Rückblenden, ist genau die große Kunst der Autorin, die die Persönlichkeit von Marys Mutter brillant ausleuchtet. Und das geht eben nur mit Details und nicht mit kurzen Schlaglichtern. Auch den zweiten Protagonisten, den Polizisten, porträtiert Parsons mit all seinen Widersprüchlichkeiten.
Ja, es folgt nicht Leiche auf Leiche und Verfolgungsjagd auf Verfolgungsjagd. Dennoch ist auch der Handlungsablauf durchaus aufregend. Vielleicht verzeihen manche Leser Parsons unbewusst auch nicht, dass sie in ihrem Roman keine Lichtgestalt schafft, keinen absoluten Sympathieträger, mit der sich der Durchschnittsleser problemlos identifizieren kann. Aber gerade diese scheinbare "Schwäche" zählt für mich ebenfalls zu den Stärken. Die Welt ist nun mal nicht in Schwarz und Weiß zu haben - nun ja, außer halt in schlechten Büchern.