New York während des Zweiten Weltkrieges: Superhelden, Androiden, Mutanten und Giganten zieht es in die Stadt, die niemals schläft. Mittendrin, den Finger immer am Abzug bereit, steht Phil Sheldon, ein aufstrebender Fotograf. Der Protagonist Sheldon ist in der vierteiligen Miniserie im Gegensatz zu seinen Kameraobjekten kein Übermensch, sondern ein normalsterblicher Journalist, der Tag und Nacht Superhelden aus dem Marvel-Universum fotografiert.
Acht Jahre nach «Watchmen» (Alan Moore) wird im zuerst 1994 erschienenen und jetzt auf Deutsch neu aufgelegten Werk «Marvels» ein weiteres Mal das ambivalente Verhältnis der Spezies Mensch zu den Superhelden dargestellt. In der glaubhaften Story von Kurt Busiek («Astro City», «Thunderbolts», «The Avengers») wird fingiert, wie eine Welt mit fliegenden, sich verbiegenden oder brennenden Zeitgenossen aussehen könnte. (Dass die Geschichte auch einen anderen Lauf nehmen könnte, zeigt die bei Marvel erschienene Dystopie «Ruins» von Warren Ellis/Terese Nilson, in welchem ebenfalls Phil Sheldon die Hauptfigur darstellt.)
Neben einer einfachen, aber packenden Story fesselt der fotorealistische Stil von Alex Ross («Kingdom Come», «Batman: Kampf dem Verbrechen», «Superman: Friede auf Erden») von der ersten Seite an. Auch wenn die oft mehrstufig, asymmetrisch angeordneten Panels einen stark variierenden Leserhythmus vorgeben, der dem Leser einiges abverlangt, laden Ross' Zeichnungen zum Verweilen und Geniessen ein. Der 1994 noch junge Ross gewann mit «Marvels» den Eisner Award in der Rubrik «Best Painter/Multimedia Artist» und zusammen mit Busiek die «Best Finite Series/Limited Series». Der zweite Band «Im Visier der Kamera» von Busiek/Anacleto (erscheint voraussichtlich im April 2010) wird es daher schwierig haben, in dieser Liga mitzuspielen. (Sam Camenzind bei Comic-Check)