"Willst du ernsthaft sagen, du siehst keinen Unterschied zwischen diesem flammenden Irgendwas und Captain America? Oder Spider-Man?". Mit dem flammenden Irgendwas ist Ghost Rider gemeint und gestellt wird diese Frage vom Fotoreporter Phil Sheldon.
Marvels: Im Fokus der Kamera setzt die Geschichte fort, mit der Zeichner Alex Ross und Autor Kurt Busiek ein viel beachteter Erfolg gelungen war. Die Marvel Helden aus dem Golden-, Silver- und Bronze-Age wurden aus Sicht des Zeitzeugen Phil Sheldon beobachtet und fotografiert. Der zurückhaltende, stille und bescheidene Reporter, stet akkurat gekleidet mit Anzug und Krawatte ist ein liebevoller Familienvater mit zwei Töchtern und einer Frau, mit der er glücklich ist. Ein solides, aber auch sehr durchschnittliches Leben, bis die Superhelden in New York auftauchen. Sheldon wird mit einem Bestseller-Bildband über die Marvels berühmt und schöpft Hoffnung und Lebensfreude aus diesen Helden, die auch nicht wesentlich beeinträchtigt wird, als er bei einem Job ein Auge verliert. Band 1 des Comics strotzt vor spektakulären Zeichnungen von Galactis, Spider-Man, den Fantastischen Vier und anderen Helden aus dem Marvel-Universum und ist äusserst empfehlenswert für alle Freunde der Marvel-Comics, die ihre Helden mal aus einer gänzlich anderen und fotorealistisch gezeichneten Perspektive sehen wollen.
Die Fortsetzung ist in jeder Hinsicht düsterer. Die Zeichnungen stammen nicht mehr von Ross, sondern von Jay Anacleto. Vom Stil her sind sie den Bildern von Ross sehr ähnlich, aber weniger strahlend und hell. Die Geschichte wird von Sheldons Privatleben dominiert. Jedes Kapitel beginnt mit einem Schreibmaschinentext von ihm, auf das anfangs strahlend weisse Blatt fällt Kapitel für Kapitel immer weniger Licht, bis am Ende schwarze Buchstaben auf einem schwarzen Blatt zu sehen sind. Warum sich die Welt des Fotografen zunehmend verdüstert soll hier nicht verraten werden. Liegt es an Sheldon, das er die Welt dunkler sieht oder ist sie tatsächlich weniger strahlender als in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die 1960er Jahre? Watergate, Vietnam, Energiekrise, Niedergang der US-Autoindustrie, atomares Wettrüsten - dieser Comic spiegelt sehr stark den Wandel der USA, dem sich auch die Comic-Industrie anpasste. Sheldon versteht die Welt nicht mehr, wieso nun jemand wie Der Punisher oder Wolverine als Helden gefeiert werden. Der alternde Foto-Journalist scheint nicht mehr in die neue Zeit zu passen. Man mag in ihm den Spider-Man Erfinder Stan Lee wiederfinden oder auch sich selbst. Wen interessieren die Abenteuer von Superhelden, wenn das reale und das Privatleben dringendere Probleme bereithalten, bei denen Spider-Man auch nicht helfen kann? Allerdings wird der Blick auf die Welt, auch auf die der Superhelden, von den Medien beeinflusst. Amüsant wie Sheldon auf diesen Peter Parker schimpft, der Spider-Man von seiner schlechtesten Seite zeigt - ein schöner Insider-Gag und Medienkritik in einem.
"Marvels: Im Fokus der Kamera" ist eine sehr melancholische, düstere Geschichte über das Altern, über die Frage nach dem Sinn des Lebens, über Wandel, Helden und Schurken. Watchmen
Watchmen bietet all das ebenfalls und noch einiges mehr, vor allem temporeicher, mit mehr Witz und Pepp. Für begeisterte Leser des ersten Teils von Marvels und überhaupt für Marvel-Fans aber eine lohnende Graphic Novel!
3,5
148 Seiten, Softcover, Farbe, Autoren: Kurt Busiek & Roger Stern, Zeichner: Jay Anacleto, Farben: Brian Haberlin, Übersetzung: Michael Strittmatter, Vorwort, Cover-Galerie