Margaret Weis Productions hat sich vor einiger Zeit eine weitere große Lizenz gesichert: Marvel. Nach unter anderem Leverage, Smallville und Supernatural rollt also hier wieder eine neue Welle eines in meinen Augen ungewöhnlichen, wie zugleich visionären Rollenspiels heran.
Erscheinungsbild
Das mir vorliegende Dokument haut mich um. Wirklich. Das Design der verschiedenen Unterlagen strotzt vor stylischem Marvel-Artwork. Auf fast jeder Seite sehe ich Spiderman, Iron Man, Captain America, Wolverine, Storm und viele andere.
Der Text ist extrem gut lesbar gesetzt, wichtige Sätze oder Stichworte sind farblich anders gedruckt, so dass sie sofort ins Auge stechen. Auf dem Rand fast jeder Seite finde ich Verweise, auf welchen Seiten ich die passenden Regeln finde.
Die Augen finden immer etwas Besonderes zum kurzzeitigen Verweilen. Der Textwand-Eindruck vieler anderer Grundregelwerke kommt hier erst gar nicht auf. Das ist bildhübsch und macht Spaß zu lesen! Gut, natürlich nur, wenn man Comics mag... die Grundfarben Blau und Grau werden gut eingesetzt, um optische Kontraste und Leserlichkeit zu erzielen.
Die Spielwelt
Über die Spielwelt muss man nicht viele Worte verlieren. Es ist das Marvel-Universum in seiner ganzen Bandbreite. Ich meine mich zu entsinnen, dass es über 8000 Charaktere gibt, die man verkörpern oder als Antagonisten nutzen kann.
X-Men, S.H.I.E.L.D., Avengers, die Fantastischen Vier - alle sind hier und noch viel mehr, wie z.B. Daredevil.
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen sollte, diese Spielwelt zu beschreiben. Fakt ist aber, dass im Regelwerk keine Weltenbeschreibung beinhaltet ist. Man kann einiges ableiten aus den Hintergründen der verschiedenen Helden als auch des beinhalteten Mini-Events, aber ohne Lektüre der Comics, grafischer Novellen und auch vielleicht das Anschauen der Filme kommt man hier nicht weit.
Ich kann verstehen, dass das Universum von Marvel einfach zu umfangreich ist, um in einem Grundregelwerk abgebildet zu werden. In künftigen Event-Bänden wird jedoch mehr erklärt. Events sind Kampagnen.
Zurzeit liegt mir der Band für die Civil War Kampagne vor, den ich zu einem späteren Zeitpunkt beleuchten werde.
Die Regeln
Eins muss ich vorweg nehmen. In Marvel Heroic Roleplaying Game spielt man eigentlich keine selbsterschaffenen Charaktere (auch wenn die Möglichkeit dazu da ist), man spielt fertige Superhelden aus dem Marveluniversum und hat die Möglichkeit, diese zu evolutionieren.
Die anfolgend beschriebenen Regeln sind stark auf die erzählerische Komponente des Rollenspiels ausgelegt und können nur funktionieren, wenn offen am Tisch gewürfelt wird. Also, Spielleiter aller Herren Länder, kommt hinter euren Schirmen hervor. Ihr raubt euch und euren Spielern sonst viel der Spannung, die wir in diesem Spiel haben. Ich beschreibe nicht alle Regeln, sondern nur einen Ausschnitt. Es wäre sonst zu viel.
Besser und Schlechter wird durch Würfeltypen klassifiziert. Ein D4 ist schlechter als ein D6 als ein D8 und so weiter. Der höchste Würfel ist der D12. Würfel können durch bestimmte Voraussetzungen verbessert oder verschlechtert werden. Das Regelwerk nennt dieses step up" oder step down". Ein D6, der geupstepped (man verzeihe mir diese Wortkreation) wird, wird zu einem D8. Gewürfelt wird nur, wenn das Ergebnis wirklich zweifelhaft ist, ein Charakter eine Show machen möchte oder es um einen Zusammenstoß mit anderen NSCs und Charakteren geht.
Wie so oft sind die Regeln und Würfeleinlagen eng an die Werte des Charakters gekoppelt. Am besten erkläre ich alles an einem Beispiel, weil es sonst sehr abstrakt wird.
Primär dreht sich alles um Würfelpools. Schauen wir auf den Bogen, sehen wir 4 Poolrelevante Bereiche. Wir haben noch mehr Möglichkeiten, aber dazu weiter unten.
Wenn ein Spieler nun würfelt, baut er sich den Pool nach den Bereichen auf. Ist er alleine? Also affiliation Solo" - zack, ein D10 in den Pool. Manche Helden agieren besser alleine, manche besser zu zweit, manche gar besser im Team.
Dann kommt die distinction ins Spiel. Hierbei handelt es sich immer um drei Phrasen, die den Helden prosaisch beschreiben, also das darstellen, was ihn ausmacht. Passt eine der distinctions auf die Würfelsituation, kommt ein D8 in den Pool. Ein Spieler kann aber auch entscheiden, dass Ihn seine distinction behindert und nimmt dann einen D4 in den Pool. Das macht ihn schlechter, bringt aber einen sogenannten Plot Point. Auch darauf komme ich später.
Mit den Power Sets kommen die Kräfte ins Spiel. Auch diese bringen einen Würfel mit, können über die SFX noch Zusatzeffekte mitbringen und haben auch ein Limit. Mit Limits werden Teilkräfte für eine ganze Zeit deaktiviert, dafür werden aber andere mächtiger.
Letztlich haben wir noch die specialties. Dieses sind Ausdrücke des Trainings und der Ausbildung des Helden und bringen auch noch einen Würfel hinzu.
Schaden oder Belastung wird in MHR durch stress ausgedrückt. Dieser Schaden kann physisch, mental oder emotional sein. Optional kann der Schaden auch eine Situation sein, die die Person im Spiel behindert, hier complication genannt. Anders ist hier, dass der Schaden sich nicht negativ auf die eigenen Würfelpols auswirkt, sondern Schaden oder Behinderung des Gegners positiv auf den eigenen Würfelpool. In anderen Worten wird es einem leichter gemacht, wenn der Gegner nicht mehr frei agieren kann.
Dieser stress oder complication Würfel kommt auch in den eigenen Pool.
Hilft einem ein anderer Charakter oder NSC (oder man sich selbst), dann kann dieses einen asset erzeugen. assets sind kurzzeitig wirkende Effekte, die auch Zusatzwürfel geben. Und was passiert mit dem? Auch in den Pool - zack.
Und als ob damit noch nicht der vielen Würfel genüge getan wäre, gibt es noch den stunt. Stunts generieren auch Würfel und sind besondere Anwendungen eigener Fähigkeiten, die nicht standardmäßig verwendet werden würden.
Ein Beispiel: Cyclops verwendet seinen Energiestrahl in geschwächter Variante, um alle Spiegel blind werden zu lassen. Der Strahl wird tausendfach reflektiert und schaltet so alle Spiegelbilder aus, so dass der echte Antagonist gefunden wird und vom letzten Strahl getroffen wird.
All diese Würfel werden nun gewürfelt. Einsen werden beiseitegelegt. Die üblicherweise beiden höchsten Würfel bilden das total. Ein dritter gewürfelter Würfel ist der effect dice. Der Spielleiter, hier watcher genannt, macht das gleiche in ähnlicher Art für seine Charaktere.
Beispiel: Wolverine ist alleine und kämpft gegen Deadpool. Solo - D8. I'm the best there at what i do - D8 Adamantium Claws - D10 Combat Master - D10. Deadpool ist unverletzt, also keine weiteren Würfel, ebenso gibt es keine Helfer und Wolverine hat auch gerade keine Lust auf ungewöhnliche Neuanwendung seiner Kräfte.
D8: 5, D8: 3, D10: 7, D10: 4. Wolverine nimmt die beiden höchsten als total, das sind also 7+5=12. Einen D10 nimmt er als Effektwürfel.
Für das Beispiel hat Deadpool den gleichen Würfelpool und würfelt D8: 4, D8: 4, D10: 6, D10:5. Er nimmt 6+5=11 als total, D8 als Effektwürfel.
Wolverine war bei 12, er bei 11. Wolverine hat also gewonnen". Der D10 Effektwürfel verursacht nun genannten stress oder eine complication. Alle künftigen Würfe haben für Wolverine einen D10 mehr im Pool.
stress wird durch weitere verlorene Proben verstärkt. Ist der nächste Effektwürfel vom Würfeltyp her kleiner oder gleich dem vorhandenen Stresswürfel, wird dieser um eine Stufe hochdreht. Aus einem D10 wird also ein D12. Ist er größer als der Stresswürfel, werden die Würfel getauscht. Hat man bereits einen D6 und der nächste ist ein D10, kriegt man den D10. Würde nach D12 nochmal hochgedreht werden, wird der Charakter schachmatt. Aus stress wird dann trauma, welches eine weitaus höhere Genesungszeit und -behandlung braucht.
Plotpoints braucht man u.a. um entweder Kräfte zu aktivieren, einen dritten total dice zu behalten oder einen zweiten effect dice zu wählen. Man bekommt sie, indem man entweder Einsen würfelt oder seine distinction mit einem D4 wählt. Auch andere Möglichkeiten existieren.
Einsen generieren aber auch Würfel in den sogenannten doompool des Watchers. Dieser kann die Würfel in dem Pool benutzen, um die Fähigkeiten seiner Gegenspieler zu aktivieren oder zu verbessern. Würfelt der watcher Einsen, können die Spieler diese als opportunity aktivieren und somit Vorteile für sich selbst schaffen.
Daher ist es so wichtig, offen und für alle einsichtig zu würfeln. Sterben kann man in MHR eher selten, wenn nicht gar niemals.
Das ist nur ein Ausschnitt der Regeln, der aber zeigt, worum es geht. Um den direkten Vergleich zweier Würfelpools, der Würfeltypen und die Interaktion zwischen SL und Spieler. Es geht fast immer um Aktion und Reaktion, das Vergleichen der Ergebnisse zweier Würfelpools.
Ich schrieb weiter oben, dass das System stark auf den erzählerischen Part ausgerichtet ist.
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