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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Ein Stück Literaturgeschichte,
Von
Rezension bezieht sich auf: Martin Walser: Eine Biographie (Taschenbuch)
Im Oktober 2008 erschien die Taschenbuchausgabe von Jörg Magenausverdienstvoller Martin-Walser-Biografie. Magenau, der zuvor bereits der populärsten ostdeutschen Autorin Christa Wolf eine Biografie gewidmet hatte, schildert den populären westdeutschen Autor als Mann des Widerspruchs: als Januskopf mit dem Gesicht des boden(see)ständigen Nationalisten und dem des in die Ferne schweifenden Linksintellektuellen. Diese Persönlichkeitsspaltung ist das eine Leitmotiv, das Magenau in seiner akribischen Datensammlung (der leider im Anhang eine Zeittafel fehlt) anlegt, das andere ist Martin Walser als "versierter Verbergungsentblößungsspieler, der seine Schwächen verdeckt, indem er sie öffentlich macht" (S. 301). Damit stellt er sich bewusst in die Tradition derer, die in Walsers Werken Spiegelungen seiner selbst, seiner sozialen und politischen Anschauungen, mehr noch aber seiner geistigen, emotionalen und nicht zuletzt auch erotischen Befindlichkeiten sehen. In vortrefflicher Manier weist Magenau diese Zusammenhänge auch immer wieder nach. Im Fokus steht dabei dem Ansatz gemäß das Werk des berühmten deutschen Dichters. Es wird einer gründlichen Befragung unterzogen und macht Zusammenhänge mit dem realen Wirken und Erleben des Schriftstellers einsichtig. Bemerkenswert ist die Fülle an Daten, die Magenau zusammengetragen hat. Und auch wenn Walser auf Magenaus Rückfrage behauptete: "Ihr Buch ist interessant zu lesen, aber ich bin das nicht!", so ändert das an der Schlüssigkeit des Dargestellten doch wenig. Denn Magenau kann sich bei seinen Interpretationen zur Person Martin Walsers immer auf Fakten stützen, auf Aussagen, die Walser in seinen zahllosen Interviews und Reden selbst geäußert hat, auf Briefe, Essays, Zeitungsartikel des Autors selbst oder seiner Kollegen und Bekannten. Allzu Privates, pikante amouröse Details, die es den Andeutungen zufolge ja auch gegeben haben muss, interessieren den Biografen wenig. Überhaupt bleibt die Familie auffallend im Hintergrund. In Abwandlung des lateinischen Sprichwortes dürfte hier das ungeschriebene Gesetz gelten: Über die Lebenden nichts Kompromittierendes. Nicht den Skandal sucht Magenau, sondern das für Walser Symptomatische. Nebenbei entsteht, und der Klappen- bzw. Buchrückentext verspricht hier nichts, was nicht gehalten werden kann, zumindest in Ausschnitten eine Kulturgeschichte der Bundesrepublik. Skandale kommen dabei auch zum Vorschein. Zumindest erscheint manches im Rückblick skandalös, wenn man weiß, was Walser damals nicht wissen konnte: wie sich Deutschland bis in die Gegenwart weiterentwickelt hat. Kaum noch nachvollziehbar ist heute beispielsweise, wie sich die vermeintlich klügsten Köpfe der Republik dermaßen dezidiert in den Dienst von Verbrecherregimen wie der "DDR" oder auch des kommunistischen Vietnam stellen konnten. Befremdlich mutet es an, dass ein paar umstrittene Gesetzesvorlagen und die SPIEGEL-Affäre umfassend gebildete Leute wie die Mitglieder der Gruppe 47 allen Ernstes zu der Annahme verleiten konnte, der Demokratieversuch der Bundesrepublik sei gescheitert und habe in eine autoritäre Oligarchie gemündet, eine "Privilegien-Demokratie", die es abzulösen gelte (S. 251), wie es Walser formulierte. Die Irrtümer der linken Intellektuellen könnten ganze Bücher füllen. Magenau nennt die wichtigsten: 1. Westintegration als Verrat an der Einheit 2. Kommunismus und Anti-Amerikanismus 3. Paranoides Misstrauen gegenüber der jungen Bundesrepublik Ein Beispiel aus Magenaus Buch: Drohte in den Sechzigern im Wahlkampf erneut ein Erfolg der CDU, verstieg sich ein renommierter Autor wie Rolf Hochhuth zu der Formulierung von der "totalen Machtergreifung" (S. 220) - charakteristisch für den Glauben vieler aus dem Dunstkreis der Gruppe 47, die Wiederkehr des Faschismus in Deutschland stehe unmittelbar bevor. Derlei kann man heute nur noch als paranoid bezeichnen. Unnötig darauf hinzuweisen, dass diese Paranoia genau der Nährboden war, auf dem später die RAF gedieh. Walser selbst forderte sogar ausdrücklich den Umsturz (S. 251). Auch ohne RAF, das zeigt Magenaus präzise Rekonstruktion, war das Putsch-Potenzial der APO und ihrer vermeintlich klugen Köpfe beträchtlich. Heute kann man darüber nur noch mit Kopf schütteln. Walser selbst tut das vermutlich auch, auch wenn sich seine Eitelkeit oft sträubt, Fehler zuzugeben. Dennoch wandelte Walser sich und wurde so etwas wie der Dichter der Deutschen. Die Eklats um Walsers Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 11.10.1998 in Frankfurt und die Reich-Ranicki-Satire "Tod eines Kritikers" 2002 brachten ihm zwar später die Vorwürfe des Chauvinismus und Antisemitismus ein. Die Attacken, die Magenau als nicht gerecht einschätzt, repräsentierten jedoch schon damals offensichtlich keine konsensfähige Mehrheitsmeinung. Die Fähigkeit zur Kurskorrektur, zum Eingeständnis von Fehlern ist vielleicht der größte Unterschied zwischen Martin Walser und Günter Grass, dem anderen noch aktiven Großkaliber der deutschen Literatur. Ein Unterschied, der dazu beitragen könnte, dass ersterem, Nobelpreis hin oder her, im Gedächtnis der Deutschen der vornehmere Platz eingeräumt wird. Jörg Magenaus skrupulös faktenorientierte und daher faire Biografie dürfte daran dann zumindest einen kleinen Anteil haben. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Stilsicher, kompetent, gerecht,
Rezension bezieht sich auf: Martin Walser: Eine Biographie (Gebundene Ausgabe)
Das Buch läßt eine Fülle von Walser-Sekundärtexten über Nacht zu Makulatur werden. Es ist nicht nur so spannend geschriebend wie ein Abenteuerroman im besten Sinne, sondern auch durchweg solide recherchiert, dabei von souveräner Beherrschung der Stilmittel. Herrlich Magenaus feiner Spott, etwa über Reemtsmas unsäglich unredliche Rezension zu "Tod eines Kritikers". Lesen!!!
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4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Martin Walser verstehen,
Von
Rezension bezieht sich auf: Martin Walser: Eine Biographie (Gebundene Ausgabe)
Selten habe ich in den letzten Jahren eine so lesbare, faktenreiche und sachliche Biografie gelesen wie die von Jörg Magenau. Er macht es dem Leser leicht, das Werk Martin Walsers zu verstehen, weil er es auch anschauliche Weise darzustellen vermag. Bei aller Kritik an Walser, die meist ja in den letzten Jahren eher unsachlich bis perfide war, wird einem seine Verhaltensweise deutlich, seine Ansichten werden nachvollziehbar. Walser ist nicht der böse Bube, als den man in den letzten Jahren immer wieder hinstellen wollte, er ist unser produktivster Schriftsteller - und ich wage zu prophezeien, er wird derjenige sein, bei dem man auch noch in hundert Jahren erkennen werden kann, wie die Menschen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts lebten, liebten und dachten (dies sage ich trotz eines Grass, trotz eines Siegfried Lenz u.a.m., die sicher auch mit ihrem Werk "überleben" werden).
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