Aus der Amazon.de-Redaktion
Seine vielleicht eindrücklichste, mit Sicherheit jedoch abgründigste Szene gelang Martin Scorsese in seinem Film
Bringing Out The Dead vor drei Jahren: Ein Gekreuzigter hängt an einer Balkonbrüstung der Lower East Side, während über ihn in die Nacht stiebende Funken seinem Antlitz die Illumination eines Heiligenscheins verleihen. Es ist ein Drogendealer, der bei der Flucht aus dem Fenster von einem schmiedeeisernen Dorn aufgespießt wurde. Feuerwehrleute versuchen ihn von der Brüstung los zu schweißen, er verdreht entrückt die Augen nach ihnen, anästhesiert von den Infusionen in seinem Arm -- die Kreuzabnahme eines Kleinkriminellen als moderne Erlösungsallegorie. Es findet sich in fast allen Scorsese-Filmen eine solche metaphysische Koloratur. Ihre Antihelden, zumeist kleine, miese Gangster-Existenzen, steigern ihre Träume und Illusionen bis zu einem Zustand nicht einlösbarer Besessenheit, der an den missionarischen Fanatismus religiöser Eiferer erinnert. Nicht umsonst wollte Scorsese ursprünglich katholischer Priester werden, wurde im Kolleg seiner Wahl jedoch nicht aufgenommen -- ein Glück für die Filmgeschichte.
In der soeben erschienenen Filmbiografie von Roberto Lasagna kommen nun alle Scorsese-Einzelkämpfer wieder zusammen, für die sein berühmtester, der enttäuschte Vietnam-Veteran und New Yorker Taxifahrer Travis Bickle aus Taxi Driver prototypisch stehen mag in seinem Amoklauf gegen persönlich genommenes Unrecht. Lasagna unterzieht jeden Film Scorseses, vom Debüt mit Wer klopft denn da an meine Tür von 1965 bis zum zuletzt heraus gekommenen Gangs of New York, einer minutiösen Obduktion. Material- und kenntnisreich, im Ausdruck bisweilen zum akademischen Fabulieren neigend, verbindet er dabei Drehanekdoten und Produktionsnotizen mit präzisen formal-stilistischen Oberflächenanalysen, die Scorsese in der Mitte der legendären Autorenschule des New Hollywood und den Konventionen des kommerziellen Mainstream ansiedeln. Vielleicht ist dieses Grenzgängerische seiner Position auch der Grund, warum er bislang bei Oscar-Verleihungen immer leer ausging. Was man übrigens von den Hauptdarstellern seiner Filme nicht behaupten kann: Robert de Niro bekam einen für Wie ein wilder Stier, Paul Newman für Die Farbe des Geldes und Joe Pesci für Goodfellas. --Mark Stöhr
Kurzbeschreibung
Durch die Analyse aller Filme des Cineasten von Long Island, die auch seinen letzten Film Gangs of New York einschliesst, stellt dieses Buch eine umfassende Einführung in das Werk eines Regisseurs dar, der seit mehr als dreissig Jahren den Stil der Moderne im zeitgenössischen Kino prägt. Angefangen mit seinen ersten Kurzfilmen durchzieht ein thematischer Faden das Filmdebüt Martin Scorseses: Die Figur des einsamen Grossstadtmenschen, die dem zeitgenössischen Unbehagen wie der Schatten eines entwaffneten Cowboys gegenübersteht. Dann tritt Scorsese dank der Begegnung mit Roger Corman und durch Filme wie 'Hexenkessel', 'Alice lebt nicht mehr hier' und 'Taxi Driver' in die industrielle Filmwelt ein und sein Kino wird für die folgenden Strömungen zum Signal der Avantgarde. Die Siebzigerjahre werden nämlich unter dem Einfluss des Vietnamheimkehrers von 'Taxi Driver' stehen, doch die Antihelden Scorseses brechen auch in die Achtziger- und Neunzigerjahre bis in unsere heutige Zeit ein und vergegenwärtigen das Gleichnis vom Menschen, der sich wie Gott auf Erden fühlen muss, da "sein Reich nicht von dieser Welt ist".