Als Martin Luther am 10.12. 1520 in Wittenberg das kanonische Recht und die Bannandrohungsbulle verbrannte, war das die Exkommunikation der Papstkirche im Namen der christlichen Glaubensgewissheit. Nach diesem Schritt wurde er Lehrer einer Partikularkirche.
Luther wurde Medienstar und "Volksheld", seine Schriften erhielten eine Verbreitung, wie sie es vor ihm noch nicht gab. Im Alter dann ließ die Popularität nach, bei ihm wurde charakteristisch seine unerschütterliche Glaubensfestigkeit.
Der Mönch und Priester heiratete 1525 die entlaufene Nonne Katharina von Bora und gab mit seiner Eheschließung ein Vorbild für den christlichen Hausstand für so manche evangelische Pfarrersfamilie.
Die Bibel las Luther wieder und wieder, in Bibelkenntnis wusste er sich seinen Kritikern unendlich überlegen.
Das Alte Testament verstand er als Christuszeugnis. Aus diesem theologischen Motiv resultieren seine verbitterten Hasstiraden gegen die Juden. Sein Sachkriterium für die Kanonizität einer Schrift der Bibel war "was Christum treibet". Somit blieben für ihn Jakobusbrief, Hebräerbrief, Judasbrief und die Offenbarung des Johannes Randtexte.
Mit Luthers Übersetzung des Neuen Testaments ist die Reformation definitiv eine Bibelbewegung geworden.
Als Prediger und Professor in Wittenberg lebte er zwischen Kanzel und Katheder. Viele seiner Predigten wurden gedruckt, die Bibelübersetzung, die Wittenberger Vollbibel, hielt er für seine größte Leistung.
Die Wittenberger Universität wurde bis ins 17. Jh. hinein zum intellektuellen Zentrum des Protestantismus.
Professor Thomas Kaufmann gibt eine Lebensbeschreibung von Luther und beschäftigt sich in einem zweiten Hauptteil mit seiner Theologie. Er lässt aber auch nicht seine Befangenheit im Mittelalter aus. Luther lebte in einer engen Welt. Die außereuropäischen Entdeckungen seiner Zeit interessierten ihn wenig, für die revolutionäre Theorie von Kopernikus brachte er kein Verständnis auf, sein Weltbild war von der Bibel geprägt. Gegenüber Erfindungen und Erkenntnissen, deren unmittelbarer Nutzen evident war , war er aufgeschlossen, etwa den Buchdruck.
Mit seiner Stellungnahme gegen die Bauern ("Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern"), eine Lizenz zur brutalen Ermordung der Bauern, verlor er an Rückhalt beim "gemeinen Mann", war er zum Repräsentanten der verhassten Ordnung geworden. Das Papsttum ist für Luther die gottfeindliche Macht, die vorgeben wird, Gott zu sein: der Papst ist der Antichrist der Bibel. Die Türken, oder, wie Luther schreibt, "der Türke", sei der leibhaftige Teufel. Die Juden waren Teufelskinder, die verstockt seien. Ihre Austreibung aus protestantischen Städten sei heilige Pflicht.
Thomas Kaufmann gelingt eine runde, lebhafte Biographie mit einer Reihe von Originalzitaten in Lutherdeutsch. 2017 werden die 95 Thesen, die Auslöser für die Reformation waren, 500 Jahre alt. Luther ist immer noch verurteilter Ketzer, der nach römisch-katholischer Lehre bis heute und auf ewige Zeiten verdammt ist. Wäre es nicht an der Zeit, da etwas zu tun?