Man kann Zahrnts Luther-Biografie gar nicht hoch genug loben - wenn man am Menschen und wenn man am Theologen Luther interessiert ist. Biografie ist daher eigentlich schon das falsche Wort, es ist vielmehr ein Einführungs- und Einfühlungsbuch in diesen hochkomplexen, außergewöhnlich widersprüchlichen und leidenschaftlichen Jahrhundertmenschen Luther. Wo andere Biografen - wie etwa Richard Friedenthal - im Sumpf der Geschichte waten und den Leser auch im Faktenwust absaufen lassen, da beschränkt sich Zahrnt auf das historisch Wesentliche, mitunter bis zur Knorrigkeit. Wo andere Autoren sich in Theologiedisputationen flüchten - wie etwa Martin Brecht - oder ideologische Debatten führen - wie etwa Martin Brendler -, dort wahrt Zahrnt beeindruckende Unaufgeregtheit. Er entwickelt einen Luther, der den Leser unmittelbar anspricht, in "seiner emotionalen Eigenheit" und seiner "streng rationalen Gedankenarbeit", dem der mitfühlende Leser stets folgen, den er letztlich menschlich, intellektuell und religiös verstehen kann, in seinem, wie wir heute sagen würden, existentiellen Ringen. Die innere Logik seines Denkens und die Psychodynamik seines Verhaltens werden hervorragend entwickelt. Es tritt eine gottbegeisterte Energiequelle hervor, die mitunter übermenschliche Züge zu haben scheint und andererseits auch menschlich-allzumenschlich sein kann. Man folgt diesem Werdegang zeitweise mit angehaltenem Atem - kein anderer mir bekannter Biograf oder Exeget war in der Lage sich derart intensiv und schlüssig in Luther hineinzudenken und hineinzufühlen.