"Wenn es dir möglich ist, mit nur einem kleinen Funken die Liebe in der Welt zu bereichern, dann hast du nicht umsonst gelebt."
Jack London
Man weiß ja nie, was einen erwartet, bei jedem neuen Buch. Und doch hat man Bilder vor Augen, schon vorher. Und gerade bei Jack London glaubt man doch ein wenig zu wissen, was kommen wird.
Ich habe schon ziemlich viel von ihm gelesen; er beflügelte meine Lesefreude immer wieder aufs Neue und ich dachte trotzdem nicht, dass er mich noch einmal überraschen könnte.
Umso erstaunlicher ist der "Martin Eden". Es ist einer der eindrucksvollsten und ausgewogensten Romane, den ich je gelesen habe. Und einer, der diese Bezeichnung wahrlich verdient. Man kann sagen: Er gehört zu diesen Romanen die gleichzeitig im Kleinen, beim Lesen, versprengte Splitter an Weisheit und Leben, derweil im Ganzen ein Bild von Schönheit sind.
"Schönheit hat ihre Bedeutung, aber die habe ich bisher nicht gekannt. Ich habe Schönheit nur als etwas Sinnloses betrachtet, als etwas, das nur schön war, ohne Sinn und Verstand."
So spricht Martin Eden, 21 Jahre alt, bisher Matrose, Abenteurer und Raufbold. Ein einfacher, weltlicher Zufall hat ihn in das Haus der gutbürgerlichen Familie Morse geführt. Und mit einem Blick auf die schöne Tochter des Hauses, gepaart mit einer, Martin schon lange innewohnender, Ehrfurcht und Sensibilität für Kultur und Bildung, beginnt die Geschichte einer zweifachen Obsession: der für die Liebe und der für das Schreiben.
"Sehen sie, ich vergrabe mein Gesicht im Grase, und der Hauch, den ich durch meine Nase einatme, lässt mich von tausend Gedanken und Phantasien zittern. Es ist ein Hauch des Universums, den ich einatme; ich kenne Singen und Lachen, Erfolg und Schmerz, Kampf und Tod; und ich sehe Gesichte, die in meinem Gehirn entstehen, zum Beispiel beim Duft des Grases und ich möchte es so gern Ihnen und der ganzen Welt erzählen. Aber wie soll ich es? Die Zunge ist mir gebunden."
Martin macht sich sofort daran, seine bisherigen Versäumnisse in Sachen Gesellschaftlicher Umgang und Literatur, Philosophie und Mathematik im Selbststudium (wie London) nachzuholen. Befeuert von seiner neuen Lehrerin, die aus ihm anfangs bloß einen brauchbaren Menschen machen will, zieht es ihn von Dichtung und Anstandsregeln, bald erst zur Philosophie Herbert Spencers, dann zum Schreiben eigener Essays und Geschichten.
"Bei seinem Lesen hatte er zwei Literaturrichtungen entdeckt. Die eine behandelte die Menschen als Götter, ohne daran zu denken, dass sie der Erde entsprossen waren, die andere behandelte sie als Lehm, ohne auf die schlummernden Träume und göttlichen Eingebungen in ihnen zu achten."
Martin Eden hält beide Richtungen für falsch. Er will dahin gelangen, Wahres zu schreiben.
"Was er suchte war leidenschaftlicher Realismus, mit menschlichem Leben und Glauben gepaart."
Bald erkennt er wie viel er schon sein Leben lang ausdrücken wollte
"und dass das Mysterium der Schönheit nicht geringer war, als das Leben selbst - ja, noch mehr, dass die Fibern der Schönheit und des Lebens sich ineinanderschlagen, und das er selbst nur ein Stückchen von demselben unfassbaren, aus Sonnenschein, Sternenstaub und Mystik gewebten Stoffe war."
"Wer bist du Martin Eden?, fragte er sein Spiegelbild am Abend. Er betrachtete sich lange und neugierig. Wer bist du? Was bist du? Wo gehörst du hin?"
Dies ist die eigentliche Frage des Romans. Vielleicht wollte London einen Roman über den Sozialismus schreiben, vielleicht einen autobiographischen Roman, vielleicht einen Künstlerroman; aber da wir wissen, wie Borges richtig sagte, dass sich Aussage und Wirkung des Werkes dem Autor meist entzieht, empfand ich diesen Roman, z.B., als alleiniges, allumfassendes menschliches Bildnis der Figur Martin Eden. Und was für ein großartiges vielschichtiges Bildnis! Egal ob man diese Figur zwischen Künstlertum und Bourgeoisie, zwischen literarischem Ideal und den Ansprüchen der Leser oder zwischen Sozialismus und Nietzscheismus aufstellt - immer ist er lebendig, immer eine männliche Anna Karenina sozusagen, auch wenn seine Geschichte bedeutend mehr Themen fasst: Die Last und Lust des Schreibens, die Irrungen von Geist und Körper in der Liebe, das Geld, die Ignoranz und natürlich der stumme Satz: Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum.
Ich empfehle diesen Roman, einfach weil er ein spannendes Buch ist; ich empfehle ihn auch, weil er hervorragend geschrieben ist und ebenso (Olms - Erwin Magnus) übersetzt wurde. Und ich empfehle ihn, weil "Martin Eden" eine Figur ist, die man nicht vergesst, mit der man identifizieren kann, mit der man lebt bis zur letzten Seite und weil diese Buch eine wahrhaft vortreffliche Art hat uns zu unterhalten und uns seine Geschichte nahe zu bringen"
Wer Übrigens gerne noch mehr herrausragendes und ganz anderes von London lesen will, der sollte es mit diesem Erzählband versuchen:
Die Geschichte vom Leopardenmann