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Ein Roman von Steven Millhauser
«Es war einmal» ist eine verlockende Formel, und wenn ein Roman mit ihr beginnt, wird oft wieder das Kind im Leser wach. Es muss wohl eine gewisse Urteilstrübung durch diesen Reflex gewesen sein, die Steven Millhauser für seinen Roman «Martin Dressler. Ein amerikanischer Träumer» den Pulitzer-Preis einbrachte. Denn in dem Buch selbst ist weit und breit nichts zu finden, was diesen ja nicht gerade beliebigen Literaturpreis rechtfertigt geschweige denn die zeitaufwendige Lektüre von fast dreihundert Seiten.
Millhauser hat alle knochentrockenen Vorzüge, mit denen Buchhalter in ihrer Berufswelt womöglich Wunder bewirken, in diesem Roman aufgeboten, um eine amerikanische Erfolgsgeschichte im letzten Fin de siècle zu bilanzieren. Die märchenhafte Gradlinigkeit, mit der Martin Dressler, Sohn eines Tabakhändlers, in wenigen Jahren vom Liftboy zum Hotel-Tycoon aufsteigt, wird mit geradezu zermürbender Monotonie erzählt. Um diese narkotisierende Wirkung zu mildern, hat es Millhauser mit bunten Dekorationsstoffen versucht, allerdings ohne den gewünschten Effekt.
Durchaus möglich, dass ein solcher Aufstieg um die Jahrhundertwende, als das Hotelwesen Traditionen feiner Lebensart mit moderner Technik und Architektur verbinden musste, interessante historische Hintergründe erschliessen könnte. Solche Synthesen in seinen immer verwegener in New York hochschiessenden Hotels sollen Dressler jedenfalls emporgetragen haben bis er mit dem gigantomanischen «Grand Cosmo» am Masslosen seines Träumens scheitert. Doch dieser Roman, der mit endlosen Beschreibungen baulicher Innovationen, Interieurs und Hotel-Eröffnungszeremonien vollgestopft ist, löscht auch noch den letzten Interessenfunken daran.
Hegel hat einmal bemerkt, man könne Äpfel und Birnen aufzählen, solange man wolle, komme so aber nie zum Begriff des Obstes. Millhauser ist dieses Wunder literarisch schon gar nicht gelungen, und selbst seine Äpfel und Birnen sind zutiefst fruchtlos. Und falls der Roman auch mit Blick aufs heutige Fin de siècle vor masslosen Erfolgstraumschlössern warnen sollte, ist dabei nur ein trauriges Warnsignal vor massloser Einfallslosigkeit entstanden, die nach dem verlockenden «Es war einmal» viel schneller als aus allen amerikanischen Träumen böse erwachen lässt.
Uwe Pralle -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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