Ihr Moralisten, die ihr vom Glück und von der Selbstachtung schreibt, die jeder Lebenssphäre eingepflanzt seien, und die ihr jedes Sandkorn auf Gottes Landstraße beleuchtet, das so unmerklich unter den Rädern eurer Karossen und so rau unter der nackten Sohle ist, bedenkt doch, wenn ihr Menschen so schnell abgleiten seht, die sich selbst geachtet haben, dass viele Tausende unter schweren Lasten keuchen, die in jener hoch gepriesenen Selbstachtung nie gelebt haben und auch keine Aussicht dazu hatten. Ihr, die ihr euch so wohlgefällig auf den heiligen Psalmisten beruft, der von sich sagt, er sei jung gewesen und alt geworden, habe aber nie gesehen, dass der Gerechte verlassen wurde oder dass seine Kinder um Brot bettelten; ihr, die ihr den zufriedenen, ehrenfesten Stolz predigt, geht hin in die Kohlengruben, die Fabriken, die Eisenwerke, in die schmutzigen Tiefen tiefster Unwissenheit, in die äußersten Abgründe menschlicher Vernachlässigung, und sagt mir, ob ein hoffnungsvolles Pflänzchen aufkommen kann in einer Luft, die so verderbt ist, dass sie die helle Fackel der Seele auslöscht, kaum dass sie entzündet ist! Ihr Pharisäer mit neunzehnhundertjährigem christlichem Wissen, die ihr hochtönend die menschliche Natur anruft, seht erst zu, dass sie menschlich werde! Seht euch vor, dass sie sich nicht, während ihr Generationen durchschlafen habt, in die Natur reißender Tiere verwandelt!
Fünf Wochen! Von all den zwanzig oder dreißig Angeboten war kein einziges eingelaufen. Sein Geld, auch der Zuschuss, den er sich durch Hingabe seiner entbehrlichen Kleider verschafft hatte - das war freilich nicht viel, denn Kleider sind zwar teuer zu kaufen, aber wohlfeil im Leihhaus-, schwand rasch dahin. Was konnte er dagegen tun? Zuzeiten wandelte ihn Todesangst an, in der wieder fortstürzte, obgleich er eben erst nach Hause gekommen war, und zu demselben Platz, den er schon zwanzigmal aufgesucht hatte, zurückeilte um einen neuen Versuch zu machen, aber stets ohne Erfolg. Er war viel zu alt für einen Kajütenjungen, und viel zu unerfahren, um als ein gemeiner Matrose angenommen zu werden. Auch Anzug und Haltung standen diesem zweiten Angebot feindlich im Weg, und doch musste er se machen; denn selbst wenn er sich damit abfand, ohne Heller auf amerikanischen Boden abgesetzt zu werden, so hatte er doch gegenwärtig nicht genug, um die Überfahrt im Zwischendeck und die armselige Verpflegung zu bezahlen.
Es veranschaulicht ein weit verbreitete Neigung des menschlichen Geistes, dass Martin diese ganze Zeit über keinen Augenblick zweifelt, ja man kann sagen,: dass er fast unbedingt überzeugt war, er werde in der neuen Welt große Dinge vollbringen, wenn er nur hinkommen könnte...
("Martin Chuzzlewit", Seiten 270, 271, Ausgabe des Buchclubs Ex Libris Zürich).
Einer Familiengeschichte, genauer gesagt den Chuzzlewits, widmet sich der englische Autor Charles Dickens in dem vorliegenden Werk. Das hört sich zunächst harmloser an, als es tatsächlich ist, denn der Romancier lässt es sich nicht nehmen, eine erschreckende Moritat mit dieser Familie zu verbinden, die er genüsslich und in all ihren Facetten zu erzählen weiß. Dabei wiegt er den Leser in der sicheren Hoffnung, dass am Ende, die fiesen und hinterhältigen Pläne der Schurken und Heuchler aufgedeckt werden und die guten oder geläuterten Charaktere dieser Erzählung für ihren Edelmut belohnt werden.
Da ist zunächst einmal diese geniale Figur des Mr. Pecksniffs, der das christlich-fromme Gewand mit der allergrößten Heuchelei trägt. Und eben so gewandet, eilt er an diesem Tage dem Gasthaus des blauen Drachens zu, wo die geachtete Wirtin und Witwe Mrs. Lupin, einen besonderen Gast beherbergt. Genauer gesagt, sind es sogar zwei neue Mieter, denn der gesundheitlich angeschlagene Greis hat zu seiner Begleitung eine blutjunge und sehr ansehnliche Dame mitgebracht, wobei das Verhältnis der beiden in der Gesellschaft des kleinen Ortes einige Vermutungen aufwirft. Wie es sich jedoch bald herausstellt, hat der alte Herr ganz andere Sorgen, als böse Gerüchte, denn in Kürze haben sich um sein verschlossenes Zimmer die Angehörigen seiner Familie wie die Geier versammelt. So wird das Schicksal des alten Martin Chuzzlewit beschrieben, der ein Vermögen angesammelt hat und nun an Jahren ebenfalls reich ist, aber in der ärgerlichen Lage ist, allen und jedem zu misstrauen.
Doch es gibt noch einen jungen Martin Chuzzlewit, der Enkel des vorgenannten Herrn, der ebenfalls ein schweres Los trägt. Aufgewachsen im Geiste der Selbstsucht, steht sich der Herr selbst im Weg. Mit seinem reichen Großvater hat er gebrochen, sich darüber hinaus noch unglücklich in den Schützling an dessen Seite verliebt und nun noch von dem Heuchler Mr. Pecksniff schwer getäuscht, sucht er ein neues Glück in der neuen Welt. Dabei steht ihm der gute und stets positive Marc zur Seite, der einst die Wirtin des blauen Drachen so verehrte.
So pendelt die Geschichte schließlich zwischen Amerika und England hin und her und lässt den Leser teilhaben an den Entwicklungen der vielen Charaktere, die diesen Roman bevölkern. Welchen Plan heckt Mr. Pecksniff aus, um an das Vermögen des alten Chuzzlewit zu gelangen? Wie stehen seine bezaubernden Töchter Charitas und Gratia dazu? Welche Rolle spielt Jonas Chuzzlewit dabei, der seinen alten Vater, den Bruder von dem alten Mr. Chuzzlewit, aus tiefsten Herzen hasst? Wird Tom Pinch, der treue Diener von Mr. Pecksniff, den wahren Charakter seines Herrn erkennen und wird er einmal den Lohn für sein goldenes Herz erlangen? Wird der junge Martin in der neuen Welt sein Glück machen? Wem wird der alte Martin sein Geld vermachen?
All diese Fragen und noch viele dazu wird Mr. Dickens in seinem Roman treulich beantworten und dabei den geneigten Lesern angenehm schaurig-schöne Stunden bereiten.