"Marthe & Mathilde" ist - um das vorweg zu schicken - kein Roman oder romanhafte Familiensaga. Das Buch ist ein Sachbuch, das das Leben der beiden Großmütter der Autorin dokumentiert. Dabei liegt der Fokus sehr deutlich auf Mathilde.
Überblick über die Personen:
Mathilde Klebaur geb. Goerke:
Mathilde Goerke wird am 20.02.1902 in Landau in der Pfalz als Tochter des deutschen Handelsvertreters Karl Georg Goerke (gest. 03.07.1941) und der Belgierin Adele van Cappellen (geb. 1864, gest. 25.03.1921). Der Vater stammt ursprünglich aus Memel und ist Preuße; er hat jedoch eine umfassende Bildung im Ausland genossen, spricht fließend französisch und kann als Kosmopolit beschrieben werden. Die Mutter Adele van Cappellen stammt aus Brüssel und ist Waise. Sie spricht französisch, kann aber auch deutsch. Mathilde hat eine ältere Schwester Georgette (geb. 13.12.1891, gest. 1924). Es ist nicht bekannt, wer der leibliche Vater von Georgette ist. Karl Georg Goerke hat sie legitimiert, jedoch ist der leibliche Vater möglicherweise ein Cousin der Mutter. Georgette ist vier Jahre vor der Hochzeit der Eltern geboren.
Mathilde Goerke wächst ab 1906 in Colmar auf. Sie besucht ein deutschsprachiges Mädchengymnasium. Im gutbürgerlichen Elternhaus wird überwiegend französisch gesprochen. Sie wird zeitlebens deutsche Redewendungen in ihre französische Umgangssprache einfließen lassen.
Nachdem Mathilde 1918 das Gymnasium verlassen muss, weil sie keine Elsässerin ist, pflegt sie zuhause die kranke Mutter und führt nach deren Tod dem Vater den Haushalt. Mathilde ist vielseitig gebildet. Die Familie verarmt nach 1918. Die Schwester Georgette ist eine dem Spartakusbund nahestehende Aktivistin und Pädagogin mit großem Tatendrang und Wunsch nach Reformen. Auch sie stirbt in den 20ziger Jahren.
1926 heiratet Mathilde Joseph Klebaur (geb. 1896, gest. 05.06.1972). Dieser stammt aus einer angesehenen, katholischen Colmarer Familie und ist Kaminbauer. Seine Mutter "Witwe" Emilie Klebaur ist Oberhaupt seiner Familie, führt die Geschäfte und macht ihrer Schwiegertochter Mathilde das Leben nicht eben leicht. Mathilde führt ihrem Mann das Büro. Durch ihren Mann ist Mathilde finanziell gut gestellt und genießt zahlreiche Annehmlichkeiten (Villa, Reisen, Pelzmäntel...).
Joseph und Mathilde bekommen zwei Töchter: Georgette (die sich selbst Ariane nennt) wird 1927 geboren. Sie geht jung nach Paris und bricht mit ihrem elsässischen Erbe. Sie arbeitet als Modedesignerin und gehört der Avantgarde an. Sie heiratet nie und hat keine Kinder. Sie lebt im Alter allein und geistig verwirrt in Berlin.
Yvette ist die jüngere Tochter und wird 1929 geboren. Sie ist die "deutsche Tochter", denn sie hat ein brennendes Interesse für Deutschland, spricht deutsch, liest deutsche Literatur und verbringt einige Zeit in einer deutschen Aussteiger-Kommune. Yvette ist mit Pierre verheiratet und die Mutter der Autorin sowie deren Bruders.
Mathilde stirbt am 07.12.2001.
Marthe Hugues geb. Reling:
Marthe Reling wird am 20.09.1902 in Colmar als Tochter des Lehrers Henri Reling und der Augustine Surkopf geboren. Die Mutter stammt aus einer wohlhabenden, alten Colmarer Familie. Marthe hat eine ältere Schwester Alice (gest. 29.03.1992), die zeitlebens ledig bleiben wird und die Verwaltung des Erbes (Immobilien) ihrer Eltern übernimmt und so auch Marthes Auskommen sichert. Die Eltern von Marthe haben ein auskömmliches Leben, wohl aufgrund von Immobilien aus der Familie mütterlicherseits. Der Vater Henri Reling bringt seinen Töchtern französisch bei und spricht mit ihnen auch überwiegend französisch. Ansonsten spricht Marthe den Colmarer Dialekt (eine Variante des Alemannischen). Durch die Schule kann sie auch Schriftdeutsch.
Marthe Reling ist anders als Mathilde nicht umfassend gebildet. Sie hat einen eher traditionellen Lebensentwurf. Schon 1918 lernt sie ihren Ehemann Gaston Hugues kennen, den sie jedoch - weil dieser als Offizier in Marokko dient - erst Ende der 20ziger Jahre heiraten kann. Mit ihm hat sie zwei Söhne: den Architekten Pierre (geb. 24.12.1929) und den Berufsoffizier Norbert. Pierre ist der Vater der Autorin (s.o.).
Marthes Mann stirbt jung (offenbar an Malaria) bereits 1939. Als Witwe eines französischen Offiziers darf Marthe mit ihren Söhnen während der deutschen Besatzung nicht im Elsass bleiben. Sie kehrt erst 1945 dorthin zurück.
Über ihr restliches Leben erfährt man vergleichsweise wenig. Sie wird als die "typische" Großmutter beschrieben, die sich um ihre Enkel kümmert.
Sie stirbt am 29.09.2001. In den Jahren zuvor war sie geistig verwirrt.
Kritik:
Das Buch ist schlecht geschrieben. Es ist kurz gesagt einfach chaotisch. Die Autorin springt zwischen den Personen und die Jahren hin und her. Es wird häufig erst beim zweiten Mal lesen klar, um wen es geht. Es werden nur einzelne Aspekte der jeweiligen Persönlichkeiten beleuchtet. Der Schwerpunkt liegt auf Mathilde. Marthe ist über weite Teile des Buches nur eine Randfigur. Dadurch, dass immer nur einzelne Charakterzüge oder Episoden herausgegriffen werden, ergibt sich kein schlüssiges Bild der Personen. Ein chronologischer Aufbau wäre lesbarer und verständlicher gewesen.
Im Buch wird so keine durchgehende Geschichte erzählt. Die Freundschaft zwischen Marthe und Mathilde wird nur in den ersten Kapiteln etwas beschrieben. Sie ist aber für das weitere Buch nicht von entscheidender Bedeutung.
Inwieweit das Buch historisch korrekt ist, weiß ich bis ins letzte nicht einzuschätzen. Grobe Schnitzer sind mir nicht aufgefallen. Der Umgang der französischen Politik mit dem deutschsprachigen Erbe des Elsass wird nicht klar. Bei dem Straßburger Tomi Ungerer kann man lesen, dass der regionale Dialekt des Elsass nach 1945 verboten wurde. Dies wird im vorliegenden Buch jedoch nicht erwähnt. Der geschichtliche Hintergrund kommt generell zu kurz und wird nur am Rande beleuchtet.
Es werden zahlreiche deutsche Stereotypen bedient. Die beschriebenen Deutschen in dem Buch kommen nicht gut weg (z.B. die Austauschschülerin Sabine, die frauenbewegte, öffentlich stillende Rita'.). Damit beschreibt die Autorin ihre eigenen Überzeugungen aus ihrer Kindheit in Straßburg und die Meinungen ihrer Verwandten (vor allem des Vaters Pierre).
Viele Charakterzüge und Verhaltensweise der beschriebenen Personen bleiben dem Leser fremd. Verehrt Mathilde nun die französische Kultur und hängt sie an deutschen Traditionen?
Mathilde ist sehr stolz auf ihre preußische Verwandtschaft, jedoch pflegt sie nach ca. 1924 gar keinen Kontakt mehr mit Ihnen. Die Motivlage dazu wird nicht klar.
Einzig die 'revolutionäre' Schwester Georgette wird gut beleuchtet und ergibt ein einheitliches Bild. Dies liegt daran, dass hier (und nur hier) viel mit Originalquellen gearbeitet wurde und der beleuchtete Abschnitt gerade einmal 6 Jahre sind.
Insgesamt halte ich das Buch für nicht lesenswert. Für nur ca. 285 Seiten ist es anstrengend zu lesen.