Familie Thieme hat Großtante Martha zunächst alles andere als freiwillig im Gepäck, als sie zu ihrer Urlaubsreise nach Schottland aufbricht, aber bald stellt sich immer mehr heraus, dass die kleine dünne weißhaarige 80-Jährige diejenige ist, die das Heft des Handelns in ihre Hände nimmt. Dabei lebt das Buch durchaus nicht etwa von dem Klischee von der Unverträglichkeit der Welt der schrulligen Alten mit dem Leben der aktiven und dynamischen Jungen. Der Roman beginnt nur mit der Ausbeutung diesen Klischees, als an einem heißen Sommertag die nach Medizin riechende Martha sich mit Regenschirm und wollenem Schottenrock in das Auto der Thiemes zwängt und wenig kommunikativ nur dunkle Hinweise auf Verpflichtungen ihrerseits in Schottland zu geben geneigt ist. Züge von Demenz, so das schnelle Urteil der Jüngeren.
Aber genau hier beginnt sich der Vorzug dieses Romans zu entfalten, was ihn über eine leichte Sommerlektüre hinaushebt: Das Klischee wird abgebaut, die Voreingenommenheiten erweisen sich als das Ergebnis eines Mangels an Kommunikation zwischen den Generationen. Karen hatte zwar gerade noch Zeit für das Notwendigste an Hilfe in Marthas Haushalt, aber für ein echtes Interesse an Marthas Wünschen und Gedanken, an ihrem vergangenen Leben fehlte der gestressten Bankangestellten die Zeit, bzw. sie meinte, sie sich nicht nehmen zu können. Und Enkel Mark '... hätte wahrscheinlich lieber einarmig den Garten umgegraben, als in Marthas gehäkeltes Hustensaft-Imperium mitzukommen.' (S. 144) Aber es sind bezeichnenderweise die Kinder, die eher als ihre Eltern in Martha den interessanten Menschen erkennen.
Der Aufbau der Handlung ist unspektakulär, da durch den nachvollziehbaren Verlauf der Reiseroute vorgegeben. Die Stärke der Darstellung liegt zweifellos in der humorvollen, teils skurrilen Ausschmückung der Episoden, die sich an den jeweiligen Etappenorten der Reise abspielen. Der Humor speist sich aus einer außerordentlich erfindungsreichen Situationskomik, aus ungewöhnlichen Vergleichen und Metaphern (S. 220: 'ein Pfund Blumen'), aus stilistisch nur scheinbar unangemessenen Äußerungen (S. 123 'Mir rollen sich die Fußnägel hoch, wenn ich heutzutage Frauen in diesen Trainingsanzügen ... rumlaufen sehe.' sagt Martha und zeigt eine erstaunliche Nähe zu Marks Nachpubertäts-Slang.) In der letzten Episode des Romans kommen noch einmal Situationswitz, der Hang zur Zuspitzung und liebevolles Verständnis für das Menschsein der Alten zusammen : Es sind nicht die Jugendlichen Mark und Lindsey, die beim Nacktbaden im See lachen und quieken, es sind Tante Martha und John!
Außer dem Verhältnis Familie Thieme - Tante Martha spielt noch die angeknackste Beziehung zwischen dem Ehepaar Karen und Bernd Thieme eine nicht unwesentliche Rolle und trägt zur Atmosphäre des Buches und nicht zuletzt zur Komik bei. Wie die beiden im Verlaufe der Reise wieder zu einander finden, löst beim Leser besonderes dann ein Schmunzeln aus, wenn auch hierzu Tante Martha im Hintergrund ihren aktiven Beitrag leistet. Die Einführung des von Karen erträumten Partners Mike bleibt blass und wäre wohl überflüssig gewesen.
Die Tatsache, dass die Reise nach Schottland geht, macht den Roman in starkem Maße zu einem echten Urlaubs- und Sommerbuch. Um so mehr, als die Deutschen das raue, wilde, schöne, mystische keltische (?) Schottland (und Irland) doch so lieben! Auf alle Fälle ist der landeskundliche Hintergrund gut recherchiert und verlässt sich keinesfalls auf gängige Klischees. Die Einzelheiten stimmen, die Fahrt durch Edinburgh nachvollziehbar, die Inanspruchnahme des englischen Gesundheitswesens so ähnlich erlebt. Das Schottland-Flair ist in die Handlung eingewoben und trägt zum Reiz des Buches bei; wer mehr wissen will über schottische Flora und Fauna, Geschichte, Klima und Geologie sollte sich ein Buch aus der Tourismus-Literatur-Ecke der Buchhandlung kaufen.
'Martha im Gepäck' wird jedem Urlauber auf Reisen, aber auch den verhinderten Urlaubern ein paar vergnügliche Stunden bereiten. Die Jüngeren unter ihnen werden sich in ihren gegenseitigen Beziehungen wiedererkennen, die Älteren sich darüber freuen, wie ernst sie genommen werden.
Übrigens: Habe mich ein bisschen umgeschaut in meiner Umgebung: Ich habe Martha wiedererkannt, großer Strohhut, bunte Campingtasche (90er Jahre), weites buntes Sommerkleid, auf dem Weg zum Freibad; Martha auf dem Fahrrad, bunt wie ein Papagei, Leggins, wohl aber nicht auf dem Weg nach Schottland ...