Drei Jahrzehnte sind es nun schon her, seit der Urvater der Medientheorie, Marshall McLuhan mit neunundsechzig Jahren gestorben ist. Und seither haben sich Dinge ereignet, die damals niemand vorausgesehen hat. Außer Marshall McLuhan und vielleicht ein paar wenige, deren Namen nie bekannt wurden. Aber McLuhan erkannte in der globalen Vernetzung und ihrem ununterbrochenen Rauschen eine Krankheit, deren Ursachen es sich zu erforschen lohnt. Nicht um Kulturpessimisten zusätzliches Futter zu geben, sondern um ein Zentrum zu finden, von dem aus Ordnung in den aufgewirbelten Kosmos gebracht werden kann.
Der Autor und Künstler Douglas Coupland ist nicht der erste Biograph von McLuhan. Aber er geht so völlig anders ans Werk, dass man sicherlich behaupten darf, er habe eine neue Biographie geschrieben. Das signalisiert er bereits auf den ersten fünf Seiten, auf denen sinnvolle und sinnlose Anagramme aus den Buchstaben von Marshall McLuhans Namen stehen.
Spätestens auf Seite 21 wird jedem Leser klar, warum die erste Überschrift "Der Seher" lautet. Denn was McLuhan 1962 schrieb, war dem allgemeinen Zeitgeist so weit voraus, dass der 1911 in Edmonton geborene Medientheoretiker von seinen Gegnern als Scharlatan, Clown und Wichtigtuer verspottet wurde. Aber auch wenn "Das Medium ist die Botschaft" und "Die Welt ist ein globales Dorf" zu seinen Markenzeichen wurden, leistete Marshall McLuhan sehr viel mehr, als Erscheinungen auf ein paar Begriffe zu reduzieren. Douglas Coupland erkannte, was viele Rezipienten von McLuhan übersahen. Der kluge Akademiker aus Toronto war ein Meister in der Mustererkennung. Und er sah auch schon voraus, dass seine Lehren mit der Zeit zu einem verschwommenen Bild gerinnen, das seine Betrachter so häufig und unreflektiert weitergeben, dass sich deren Grundbotschaft auflöst.
Obwohl Douglas Coupland die Technik hasste, wollte er sie wie ein Besessener verstehen. Warum er nicht davon ablassen konnte, die moderne Welt geradezu verbissen deuten zu wollen, versucht Coupland ebenso zu erklären wie die Frage, welche Analysen von McLuhans auch heute noch Bestand haben. Es ist also kaum Zufall, dass Coupland während der Recherchen zu diesem Buch an einer Art Fortsetzung von "Generation X" arbeitete. Und es macht Sinn, dass Coupland auch aus seinem Roman "Generation A" zitiert.
Möglich, dass Couplands These stimmt, McLuhan sei in seinem Denken auch völlig anders gewesen, weil dessen Gehirn anders durchblutet wurde. Aber sich eingehender als gewöhnlich mit dem Körper einer berühmten Person zu befassen, rührt wohl auch von der Tatsache her, dass McLuhan unzählige kleine Schlaganfälle erlitt, bevor ihn dann der Schlag wirklich traf. Doch wie es sich für eine Biographie gehört, erfahren wir natürlich auch viel über McLuhans Kindheit, sein Elternhaus und die Umgebung, in der er aufwuchs. Die Quellenlage ist speziell, weil McLuhan Tagebücher hinterlassen hat, die auch Auskunft über seine Gefühle, Ängste und Hoffnungen geben.
Marshall McLuhan war der Inbegriff der zerstreuten Professors, aber ein fantastischer Redner, der Unmengen von Gedichten und Prosatexten vortrug. Coupland druckt den AQ-Test ab, der Auskunft über den Autismus-Spektrum-Quotienten geben soll, ohne sich anzumaßen, eine Pathographie von McLuhan verfassen zu wollen. Da der Übertritt zum Katholizismus das spätere Leben Marshall McLuhans stark beeinflusste, geht sein Biograph natürlich auch auf religiöse Aspekte ein.
Das zweite Kapitel "...command ...shift" beginnt mit Anagrammen der drei Wörter "The global village". Wir schreiben das Jahr 1940, auf der Welt leben 2.5 Milliarden Menschen und Marshall kehrt mit seiner Frau zusammen nach St. Louis zurück. 1942 brachte Corinne einen Sohn zur Welt, das erste von sechs Kindern. Wie sehr Marshall ein störrischer Konservativer war, wird heute leicht vergessen, kommt aber in dieser Biographie immer wieder zur Sprache. Und natürlich in vielen der zahlreichen Zitate, die oft einsam auf einer ganzen Seite stehen.
Je tiefer ich in dieses seltsame und faszinierende Leben eines genialen Außenseiters eintauchte, desto überzeugter wir ich, dass Douglas Coupland der ideale Mann ist, Lesern des 21. Jahrhunderts Marshall McLuhan näher zu bringen. Er berichtet von McLuhans Vorlesungen, als sei er selber im Saal gesessen. Er montiert verschiedene Textsorten zu einem Kaleidoskop, durch das ein Mann sichtbar wird, der sich selbst in einem mehrbändigen Werk nicht fassen lässt.
"The Medium ist the message" wird ebenfalls in allen möglichen Buchstabenkombinationen auf weißes Papier gedruckt und bildet den Auftakt zum dritten und letzten Kapitel "...escape ...control". 1962 erscheint "The Gutenberg Galaxis" und schlägt wie eine Bombe ein. Aber der eigenwillige Stil rief auch vehemente Gegner auf den Plan. Coupland beschreibt das umstrittene Buch so bildhaft und emotional, dass ich es wohl ebenfalls anschaffen und lesen werde. Zum Popstar der Medienwissenschaft wurde Marshall McLuhan aber erst 1965, nachdem ihn einige maßgebende Werber, Schriftsteller und Publizisten entdeckten. Und dank "Understanding Media" kam McLuhan auch endlich zu Geld. Der Anfang vom Ende signalisierte dann eine Gehirnoperation im Alter von sechsundfünfzig Jahren.
Mein Fazit: Eine der faszinierendsten und aufregendsten Biographien, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Und das liegt sowohl an der Persönlichkeit von Marshall McLuhan als auch an seinem Biographen Douglas Coupland. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Selber lesen macht glücklich.