Mag sein, dass einige konkrete Tipps (der Frau die Autotür öffnen) nicht ganz zeitgemäß sind und dass sich das Buch nicht gerade flüssig ließt. Auch die 101 Möglichkeiten, seinen Seelengefährten zu finden am Ende des Buches fand ich nicht so überzeugend.
Aber die gänzlich unterschiedlichen Verhalten und Erwartungshaltungen von Frau und Mann, die ein problemloses Zusammensein grundsätzlich erst einmal verhindern, hat der Autor bis ins Detail herausgearbeitet. Er entwirft ein Bild, dass ein behutsames und langsames Annähern der beiden Geschlechter (5 Phasen) dafür sorgt, dass die Gegensätze und Widersprüchlichkeiten zwischen Mann und Frau nicht abstoßen und entfremden, sondern dass durch diese Methode ein harmonisches Zusammenspiel auf Gegenseitigkeit entsteht und die Beziehung dadurch eine tragfähige und dauerhafte Basis bekommt. Die Nähe und tiefe Befriedigung für beide beinhaltet.
Beide Seiten haben Konzessionen und Kompromisse einzugehen, auf die jeweilige Welt des anderen ist Rücksicht zu nehmen.
Dass viele der negativen Rezensionen dem Autor Konservatismus, Altbackenheit oder christliche Anschauungen unterstellen, ist einfach quatsch. Im Buch wird einzig das partnerschaftliche Rollenspiel thematisiert. Emotionale Liebe hat nun einmal eine konservative Grundstruktur, es ist ein Spiel auf einer von der Natur bestimmten sehr archaischen Ebene. Diesen von unserer Natur vorgegebenen Gesetzen müssen wir Rechnung tragen, wenn es darum geht, Glück und Befriedigung in einer Beziehung zu erfahren.
Das Leben in unserer Kultur ist natürlich vielschichtiger, aber persönliche Entfaltung läuft nun einmal nicht auf der partnerschaftlichen Ebene ab. Aber um Selbstentfaltung geht es in diesem Buch nicht. Hier geht es nur um die Anziehung zwischen Mann und Frau und wie man diese befriedigend in sein eigenes Leben integrieren kann, es geht auch nicht um rationale Lebensbewältigungsstrategien oder um einen Ehe-Ratgeber, der Patentrezepte verrät, wie Probleme, die ZWECK-Partnerschaften zwangsläufig mit sich bringen, gelöst werden könnten.
Viele der Negativ-Rezensionen sind polemisch und reißen die Aussagen von John Gray aus dem Zusammenhang. Rollenspiele, die einzig die emotionale Verbindung zwischen Mann und Frau vertiefen sollen, und nur auf dieser Ebene Sinn ergeben, werden von den Kritikern als Alltagsweisheiten und Patentrezepte fürs Leben missverstanden und wirken da natürlich lächerlich und altmodisch.
Nirgends steht im Buch, dass man Sex erst nach der Heirat haben soll. John Gray hat sicher auch nichts gegen schnellen Sex. Das Buch heißt aber "Wie sie ihren Seelengefährten erkennen", es geht um die Erfüllung tiefergehender Lebensbedürfnisse und welcher Weg zu diesem Ziel der Sinnvollere ist.
Wer unsere Konsumwelt, und das gegenseitige Benutzen und Manipulieren zu seinen Idealen erhoben hat, wird mit John Gray nur wenig anzufangen wissen.
Dass Ehen und Beziehungen, die den Partner nur zum Gebrauchs- und Nutzungsgegenstand, zur Ware oder zum Ausstellungsobjekt reduzieren, angeblich höherwertiger und vielschichtiger sein sollen, entspringt dem in unserer Gesellschaft weitläufigen Irrglauben, dass derjenige am weiterentwickelten ist, der sich am besten verkaufen, und der den größten Status nach außen vorzeigen kann. Rational geschlossene Zweckgemeinschaften zwischen Mann und Frau, die keine tiefere Basis haben, schaffen dann auch künstlich erzeugte Problemwelten im Zusammenleben zu zweit, die irrtümlich mit Weiterentwicklung, Vielschichtigkeit, Sublimierung und Reife gleichgesetzt werden.
Dass Menschen ohne Innenleben, die heiraten, weil sie dazugehören wollen, weil sie nicht alleine sein wollen, weil sie dadurch eine Statusverbesserung erzielen, oder weil sie ganz banal betrachtet nur jemanden für die Triebabfuhr suchen, die Aussagen des Buches entfremden und verhöhnen, mag ihren Grund darin haben, dass sie sich ertappt fühlen bei der Betrachtung ihrer eigenen wohl eher unbefriedigenden und aus rationalen Gesichtspunkten geführten Partnerschaften und Ehen. Wer die progressive und reife Papp-Fassade" lebt, um damit der Außenwelt zu gefallen, wird wie ein getroffener Hund bellen, wenn ihm seine einstigen Wünsche und Sehnsüchte und der Verlust nach dessen Suche bewusst gemacht wird.
Kein Einziger der Negativ-Bewerter hat geschrieben, was denn genau an den Aussagen Grays so falsch sein soll oder wie denn der bessere Weg zum Glück in der Partnerschaft auszusehen habe.
Es ist seltsam, wie peinlich berührt wir sind und um uns schlagen, wenn die durch den Fortschrittswahn in unserer Gesellschaft erzeugte Illusion zu bröckeln beginnt, dass Macht, Kontrolle, Manipulation und ein immer nur nach vorne kucken" für alle Bereiche unseres Lebens zu taugen hat. Cool-sein ist halt doch nicht immer alles. Glück scheint eben eher im Kleinhirn bzw. im Rückenmark stattzufinden und unterliegt eigenen Gesetzen, die der von der Gesellschaft betriebenen Gehirnwäsche, allzeit gehorsam funktionieren zu müssen und nur in der Progression sein Heil zu suchen, zuwiderläuft. Im Buch Rückständigkeit, Frauenfeindlichkeit oder Oberflächlichkeit sehen zu wollen, mag dem eigenen Statusdenken, der besseren Selbstvermarktung und dem Darstellungszwang dienen, befreit aber einen nicht von der Realität des eigenen unterdrückten Innenlebens.
Die Verharmlosung der Banken- und Wirtschaftskrise, die Verrohung und seelische Verwahrlosung unserer Jugend sind erste Indizien, dass die Unterdrückung von Emotionen, Gefühlen und archaisch-regressiven Trieben im Menschen unsere Welt entwurzelt, sinnentleert und ausgehöhlt hat.
Das Buch mag im Detail nicht immer den richtigen Ton treffen, aber es berührt etwas Verschüttetes in uns und löst entweder Anziehung oder Verachtung aus, je nachdem, in wie weit wir bereit sind und den Mut aufbringen, den Teil in uns wahrhaben zu wollen, der sich nach Angenommensein, Erfüllung und Ganzheit sehnt.
Ein Stern Abzug, weil das ganze sehr trocken geschrieben ist und nur sehr mühsam für mich zu lesen war.