Nach vier langen Jahren des Wartens (unterbrochen nur von der sehr folklastigen "The white EP" und den neu aufgelegten Demos auf "The demonstration archives") erscheint nun endlich mit "Marrow of the spirit" der neueste Geniestreich von Agalloch. Nach dem Erfolg des Vorgängers "Ashes against the grain" aus dem Jahr 2006 haben die Jungs aus Portland, Oregon einige Angebote großer Plattenfirmen ausgeschlagen, um freie kreative Entfaltung nicht dem kommerziellen Erfolg unterordnen zu müssen...eine Entscheidung, der man nur mit dem höchsten Respekt begegnen kann. Folgerichtig begeben sich Agalloch mit "Marrow of the spirit" auf etwas sperrigeres Terrain als noch auf "Ashes against the grain" - die warmen, zaghaften Melodiebögen sind einer dunklen und kalten Atmosphäre gewichen, in der allerdings immer wieder ein kleines, unscheinbares Licht aufflackert...
"They escaped the weight of darkness" leitet das neue Werk ein, sehnsuchtsvolle Celloklänge, Vogelgezwitscher und ein plätschernder Bach laden zum Träumen ein, bevor der rasende Beginn von "Into the painted grey" sämtliche Traumgebilde jäh zerplatzen lässt. Hier kommen die Black Metal-Wurzeln der Truppe deutlich zum Vorschein, Doublebass-Attacken und heiseres Gekeife werden jedoch schnell untermalt von wehklagenden Gitarrenläufen...ein fantastischer Einstieg.
"The watcher's monolith" geht dann etwas rockiger zu Werke, jedoch nicht weniger eindringlich, anfangs noch umgarnt von Akustikpassagen und Klargesang wandelt sich das Stück fortwährend zu einem keifenden Postrock-Koloss.
Das anfängliche flirrende Insektengezirpe und die einleitenden Pianoklänge von "Black lake Nidstang" lassen vor dem geistigen Auge eine wilde Sumpflandschaft entstehen, inmitten von dunklen, undurchdringbaren Wäldern...und genauso präsentiert sich das Stück auch...man folgt dem wehmütigen Klagen von Haughm, verirrt sich hoffnungslos in den dunklen und kalten Klängen und geht Stück für Stück immer weiter unter in diesem zähen, pechschwarzen Sumpf, dessen Griff sich erst gegen Ende wieder etwas lockert.
"Ghosts of the midwinter fires" dagegen legt schon fast eine gewisse Leichtigkeit an den Tag und reißt den Hörer dann auch komplett aus der gerade eben noch so intensiv empfundenen Hoffnungslosigkeit von "Black lake Nidstang" heraus.
Den Abschluss des Albums bildet "To drown", ein ruhiges und sehr emotionales Stück, das die Celloklänge von "They escaped the weight of darkness" wieder aufgreift, begleitet von Flüstern und dunklen Soundcollagen.
Agalloch legen mit "Marrow of the spirit" in meinen Augen ein absolutes Meisterwerk vor, das mit seiner Schnittmenge aus Black Metal, Doom, Folk und Postrock seinesgleichen sucht. Ich kann mich nicht erinnern, wann mich Musik das letzte Mal so intensiv gepackt und solch gegensätzliche Emotionen freigesetzt hat - dieses Album ist ein totales Auf und Ab der Gefühle...wenn man denn bereit ist, sich fallen zu lassen und tief in diese Welt einzutauchen.
"Marrow of the spirit" wurde komplett analog aufgenommen und weist eine angenehm raue und kantige, dennoch druckvolle Produktion auf, die sich wunderbar mit der dunklen Atmosphäre der Musik ergänzt. Die auf 2000 Exemplare limitierte Auflage des Albums erscheint im schwarzen Jewelcase mit schönem Prägedruck.