Dass Marquis de Sades Werke eher weniger konventionelle Erotik als ein zweischneidiges Schwert, bestehend aus abgedrehtem Psychogramm und philosophisch/ethischen Ansichten, sind, sollte einem unbedingt klar sein, bevor man sich dieses Machwerk zu Gemüte führt - wenn nicht, weiß man es hinterher. Wohl kaum ein Buch für jeden, aber garantiert genau das richtige für Psychologie-Studenten im 20. Semester, Intellektuelle, Sittenwächter mit zuviel Freizeit und Menschen mit schwarzem Humor. Die "120 Tage von Sodom" wirklich durchgehend zu lesen, stellt einen wahren Kraftakt dar, denn was anfangs noch überwältigend und in seiner ganzen Faszination anziehend ist, wird von Tag zu Tag abartiger und ekliger, wird zunehmend abstoßender, dann verwunderlich, gewohnt, normal und schließlich - trotz aller Perversion, Obszönität und Ekelhaftigkeit langwierig und letztendlich l a n g w e i l i g . Ob de Sade diese Langeweile nun bewusst provoziert hat oder ob es einfach Ausdruck seines Persönlichkeitsbildes ist oder ob ihm einfach in Haft so langweilig war, dass er diese Langeweile irgendwie niederbringen musste, sei hier mal so dahingestellt. De facto ist das Buch aber, trotz oder gerade wegen, seiner ekelhaften Abartigkeit und abartigen Monotonie ein Meisterwerk; übrigens genauso wie "Justine", "Juliette" und "Die Philosophie im Boudoir", die in dieser Ausgabe übrigens auch mitenthalten sind - gekürzt, versteht sich. "Justine" und "Juliette", die Geschichten zweier Schwestern, in ihrer geschichtlichen Dualität umreißen zusammen den ersten Kern Marquis de Sades Philosophie: Die "Leiden der Tugend" und die "Vorteile des Lasters" stehen in ihrer Kriminalität, Bosheit und Egozentrik gegen jede verlogene, geheuchelte, selbstgefällige Moral. Die "120 Tage" dagegen umreißen die 'Dekadenz' und - in ganz seltsamer Art und Weise auch - die Erotik des schrägen Marquis sehr gut. Es ist mit einem amtlichen Kommentar ausgestattet und verschafft einem einen guten ersten Überblick über den Menschen de Sade und den vielleicht besten literarischen Einstieg in seine Philosophie, aber es sollte jedem klar sein, der diese Ausgabe des Buches kauft, dass die hier enthaltenen Bücher keinesfalls Komplettausgaben sind, sondern allenfalls in etwa die Essenz enthalten. Für wissenschaftliche Arbeit daher ist das Buch nur in Verbindung mit Komplettausgaben von Büchern wie "Justine" & "Juliette" und "Verbrechen der Liebe" geeignet. Aber - es ist einfach ein Meisterwerk. Fünf Punkte und ein Minuspunkt für seine Langeweile (die zur Meisterhaftigkeit allerdings auch das ihre tut).