Lespress-Rezension
Marlene Dietrichs 100. Geburtstag am 27.12.2001 wirft seine Schatten voraus... Die als Marie Magdalene Dietrich geborene Berlinerin war eine Ikone, ein Mythos und ein Star in Hollywood. Von Frauen und Männern gleichermaßen bewundert und verehrt, war sie selbst Zeit ihres Lebens beiden Geschlechtern zugetan - was allerdings in dieser Biographie kaum Erwähnung findet. Das Bild von Marlene Dietrich in klassischem Frack und Zylinder ist weltberühmt. Sie widersetzte sich Konventionen und trug die Männerkleidung nicht nur in ihren Filmrollen. Ihre früh geschlossene Ehe bestand bald nur noch auf dem Papier. Für ihre Tochter Maria war sie nicht die fürsorgliche Mutter, die der damaligen Zeit entsprochen hätte. Sie hatte unzählige Affären und lebte, wie sie wollte. Die Nazis versuchten, die 1930 nach Hollywood gegangene Diva zurück zu beordern, weil eine deutsche Frau nur in Deutschland Filme drehen sollte. Sie blieb in Amerika, aber eher aus beruflichen und finanziellen Erwägungen denn aus politischer Überzeugung. 1939 bekam sie die amerikanische Staatsbürgerschaft, daraufhin wurde sie von der deutschen Presse totgeschwiegen.
Als die USA in den Krieg eintraten, ergriff die Welle des Patriotismus auch Marlene Dietrich. Von 1942 an absolvierte sie unzählige Gesangsauftritte vor amerikanischen Soldaten. Für ihren Einsatz im Krieg erhielt sie als erste Frau die "Medal of Freedom", die höchste amerikanische Auszeichnung für Zivilpersonen. Auch in Israel wurde sie für ihren Antifaschismus gefeiert. Aber als sie in den 60er Jahren in Deutschland auf Tournee ging, bekam sie genau dafür heftige Ablehnung zu spüren. Nachdem Rollenangebote für Filme spärlicher wurden - immerhin war sie inzwischen über fünfzig und Großmutter, doch ihr Image war weitgehend unverändert -, verlegte sie sich erst auf Radio und Fernsehen, dann auf eine Showkarriere. Showstar blieb sie für die letzten zwanzig Jahre ihres Bühnenlebens. Journalisten und Biographen haßte sie. Mit knappen Antworten, Lügen und widersprüchlichen Aussagen trug sie bereits zu Lebzeiten zur Entstehung des Mythos um sie bei. Selbst in ihrer 1979 erschienenen Autobiographie verriet sie so wenig wie nur eben möglich.
Werner Sudendorf orientiert sich in diesem Portrait nüchtern an den Tatsachen, sein Hauptinteresse gilt den Filmen. So beschreibt er auf vielen Seiten Marlene Dietrichs Rollen, ihre Partner und die Herangehensweisen der verschiedenen Regisseure. Daneben erfährt man einiges über Erwartungen und Reaktionen des Kinopublikums, das je nach weltpolitischer Lage seinen Anspruch an die Filme veränderte. Marlene Dietrichs oftmals wechselnde Liebhaber tauchen nur gelegentlich auf; eine einzige Liebhaberin in einem Satz am Rande: "Nach einem lesbischen Intermezzo mit Mercedes de Acosta...". Wilde Spekulationen findet man bei Werner Sudendorf gar nicht. Er ist als Leiter der Sammlungen des Filmmuseums Berlin / Deutsche Kinemathek unter anderem für die Erschließung des Nachlasses von Marlene Dietrich verantwortlich. Für acht Millionen DM kaufte der Berliner Kultursenator 1993 die umfangreiche Sammlung mit u.a. 12.000 Fotos und 4.000 Textilien, die der Star im Laufe seines Lebens selbst angehäuft hatte. Damit kam Marlene Dietrich, wenn auch erst nach ihrem Tod, doch wieder nach Berlin zurück.
Irene Hummel
Pressestimmen
»Angesichts der Tatsache, dass ›die Dietrich‹ Biografen und Journalisten hasste, ist es erstaunlich, wie viele Fakten Werner Sudendorf zusammengetragen hat.«
Schönheit in Hamburg-Eppendorf
Der Schwerpunkt bei der dtv-Biographie liegt – nur seriös bei einer Schauspielerin – bei ihren Filmen, aber es gibt auch viele Zitate der Dietrich und ihrer Zeitgenossen, die auf den Mensch Marlene schließen lassen. Das Buch beschreibt nicht nur ein Künstlerinnen-Leben, sondern gibt auch Einblicke in den sich wandelnden Zeitgeist des vergangen Jahrhunderts.