Zufall oder nicht, die bisherigen Fünfsterne-Rezensionen stammen alle von Bücherwürmer, die sich sonst nie öffentlich über ihr Futter äussern oder nur, wenn es von einem der Autoren dieses Buches stammt. Mich hat die Marketing-Attacke nicht so berührt, woran auch der Klappentexter mitschuldig ist. Denn er preist es als Schatzkiste für Verkäufer an und spricht ihm den Charakter eines Lehrbuches explizit ab. Da es durchaus möglich ist, dass der Herausgeber und Geschäftsführer der Textakademie, Stefan Gottschling, andere Vorstellungen von Verkäufern und Lehrbüchern hat als ich, gebe ich am besten einen Kurzbericht, was mir auf den 324 Seiten begegnete. Der Leser mag dann selber urteilen, ob er zur Zielgruppe gehört oder nicht.
Im Vorwort steht, dass man eine Checkliste für Leser entwickelt habe, die mehr verkaufen wollen, eine Handlungsanleitung mit über 200 Rezepten, um in den Markt hineinzugehen, besser als die Konkurrenz zu sein und die eigenen Prozesse sowie die Medien zu optimieren. Und in der Gebrauchsanweisung erfährt der Leser, wie er mit diesem Buch arbeiten soll. Empfohlen wird ihm, gleich jeden spannenden Tipp mit Post-it oder Textmarker zu kennzeichnen und jeden umgesetzten Tipp in dem dafür vorgesehenen Kästchen abzuhaken. Zudem soll man beim Lesen alle eigenen Ideen im Leerraum mit der Überschrift "Ihre Notizen" festhalten. Allerdings wurde der zur Verfügung stehende Platz vom Layouter und nicht vom Inhalt bestimmt. Glücklich alle jene, die jetzt nicht an Lehrbuch denken.
Eine Schatzkiste für Verkäufer? Schön wär's. Aber noch sind wir nicht so weit, dass sich der Verkauf über das Marketing definiert. Und ob es in naher Zeit dazu kommen wird, dass Verkauf, Marketing und Werbung unter einem Dach arbeiten, bezweifle ich sehr. Auch weil sich die Persönlichkeitseigenschaften der verschiedenen Tätigkeiten allzu sehr unterscheiden. Ich kenne geniale Verkäufer, denen viele Kapitel in diesem Buch völlig schnuppe sind. Klar muss das Marketing letztlich für Geschichten sorgen, die in den Köpfen der Konsumenten hängen bleiben und verführen. Aber nur weil man allen Geschäftsbereichen der Textakademie und ihren Partner zu einem öffentlichen Auftritt verhelfen will, werden alte Grenzzäune nicht plötzlich löchrig. Jedem Mitarbeiter einer Firma das Buch auf den Tisch zu legen, wie es gleich zu Beginn empfohlen wird, halte ich deshalb für keine sehr gute Idee. Ich sehe die Person jedenfalls nicht vor mir, die danach lechzt, je zwanzig Tipps über Vertrieb, Konsumentenpsychologie, Kundenbindung, Meetingorganisation, Briefings, Adressdatenbanken, Messeauftritte, Texterschulung, Mailings, Anzeigengestaltung, Online-Shops, Geschäftskorrespondenz, Angebotspräsentation, PR-Arbeit, Rundfunkmarketing, Suchmaschinenoptimierung und -marketing, E-Mail-Marketing, Website Usability und Weblogs zu lesen und umzusetzen. Da rate ich eher dazu, den Tipp ernst zu nehmen, Streuverluste zu vermeiden. Mit fortlaufender Lektüre stellte ich mir daher immer weniger die Frage, ob das Geschriebene dem neusten Stand entspricht und anderswo besser festgehalten wird, sondern wer es lesen soll. Denn so nützlich die 200 Tipps und 100 Warnlichter auch sind, im praktischen Alltag sind Spezialisten gefragt. Und die möchten in der Regel mehr wissen als das erweiterte Einmaleins.
Mein Fazit: Marketing-Attacke ja. Aber die Zeit der Feldherren, die über alles und jeden Bescheid wissen müssen, ist vorbei. Wer allerdings für 27¤ erfahren möchte, was die Leute von der Textakademie und ihren Partnern alles können und anbieten, wird an diesem Lehrbuch, das keines sein will, Freude haben.