Autoren, die ihren Lesern das Abschiednehmen von Milieudenken und klassischer Marktforschung ans Herz legen, wecken mein Interesse und können mit Vorschusslorbeeren rechnen. Bis Seite 22 war ich denn auch ziemlich begeistert. Also machte ich mich gespannt an die Lektüre der Beschreibung von 11 Lebensstil-Typen, auf die jeder Marketer und Werber in den nächsten Jahren besonders achten sollte. Zumal mir ja versprochen wurde, es handle sich bei diesen Typen um Mustervorlagen, nach denen man sich künftig richten könne.
In der Tradition der Trend- und Marktforschung gaben die Autoren ihren Prototypen möglichst Namen, die in der Branche zu Standards werden sollen. Also lesen wir von CommuniTeens, Inbetweens, Young Globalists, Latte-Macchiato-Familien, Super-Daddys, VIB-Familien, Netzwerk-Familien, Tiger-Ladys, Silverpreneuren, Super-Grannys und Greyhoppers. Da ich meinem Gefühl nur halb traute, die Abgrenzungen zwischen diesen Typen seien oft ziemlich zufällig und austauschbar, schrieb ich deren Merkmale auf Zettel und gab Studenten die Aufgabe, sie zuzuordnen. Und was kam dabei heraus? Genau das erwartete Durcheinander. Die Bedürfnisse nach Sicherheit, Einfachheit, Status oder Authentizität gehören eben zu einem Grundprogramm, das Menschen von Geburt an haben. Mustervorlagen mit so unscharfen Rändern wie die im Buch vorgestellten, nützen etwa so viel wie Einteilungen nach Altersgruppen oder demografischen Kriterien. Lebensstile zu erfassen und zu beschreiben, ist ganz offensichtlich anspruchsvoller, als viele meinen.
Symptomatisch für das Konzept ist das letzte Kapitel "10 Grundregeln für das Marketing im 21. Jahrhundert". Denn außer Sätzen, die tatsächlich an eine Regel erinnern, finden sich auch Stichworte, Aussagen, Aufforderungen oder Behauptungen. Und wenn die Überschrift "Jugend: Generation Gemeinsinn" mir suggerieren soll, die Sehnsucht nach Aufgehobensein in einer Peergroup sei ein neuer Trend, werden viele der vorangegangenen Thesen noch wackliger.
Mein Fazit: Auf dem Weg zu einer neuen Zielgruppenbeschreibung wurde so früh Halt gemacht, dass der Leser kaum Gebiete entdeckt, die für ihn neu sind. Wer die Wegweiser nicht neu steckt, soll sie auch nicht neu beschriften. Denn das schafft keine neue Orientierung, sondern nur Verwirrung. Und Einblicke in komplizierte Kaufentscheide, wie es der Klappentext verspricht, erhält man auch nicht. Schade, der Ansatz ist gut, die Umsetzung dürftig.