Schon beim ersten Durchblättern dieses Wälzers mit seinen etwa 700 klein bedruckten Seiten wird eines klar: hier war einer ungeheuer fleißig. Hier hat einer nicht für Geld gearbeitet, oder um einen Vertrag zu erfüllen, - sondern aus Leidenschaft. Es ist gewiss kein Zufall, dass dieses ehrfurchtgebietende Werk nicht von einem Kunsthistoriker verfasst wurde. James Breslin (1936-1996) war Professor für Anglistik und Experte für moderne amerikanische Lyrik an der University of California in Berkeley.
Zu Mark Rothko (1903-1970) kam er gewissermaßen als Quereinsteiger durch den Besuch einer Ausstellung im Guggenheim-Museum in New York. Die dortige Begegnung mit Rothkos Gemälden im Jahre 1979 war ein Schlüsselerlebnis, und veränderte Breslins Leben. Die tiefe Ergriffenheit über die Gemälde des Künstlers, sowie die persönliche Betroffenheit über einige Parallelen zwischen seinem eigenen und Rothkos Leben bieten eine (unzureichende) Erklärung dafür, dass Breslin diese kostspielige, zeitraubende und oft auch frustrierende Arbeit auf sich genommen hat. Eine enorme Leistung. Ein Glücksfall für die Kunstgeschichte.
Sieben Jahre hat Breslin an dem Buch gearbeitet. Er hatte Zugang zu den persönlichen Aufzeichnungen von Rothko, führte über einhundert Interviews und arbeitete sich durch mehrere Kunstarchive. Auf den Spuren von Rothko besuchte er zahlreiche Städte in den USA, und auch den Geburtsort in der damaligen Sowjetunion. Das Buch erschien 1993, und wurde 1995 kongenial ins deutsche übersetzt. Es enthält etwa 73 biografische Schwarzweiß-Fotos, ca. 24 Abbildungen seiner Werke (fast alle in Farbe), ein Personenregister mit über dreihundert Namen, sowie ca. 80 Seiten mit Anmerkungen.
Rothko war ein würdevoller Rabbi, ein Mystiker der Moderne, - ein Maler des Unendlichen (Egon Kapellari). Breslin hat ein einfühlsames Portrait geschaffen, und wahrt zugleich die notwendige Distanz: keine Huldigungen, kein Pathos, - vorsichtige psychologische Erklärungen, ohne zu psychologisieren, - Werkanalysen ohne Überinterpretation. Das Buch ist einem leicht lesbaren, flüssig-erzählenden Stil geschrieben. Am Anfang fühlt man sich einfach mitgenommen auf den Lebens- und Leidensweg eines eigenwilligen jungen Künstlers. Schließlich taucht man ein, in eine abgründige Lebensgeschichte, wie in eines seiner großformatigen, multiformen Bilder.
Auch die schwierigen, widersprüchlichen, und weniger sympathischen Seiten des Künstlers verschweigt Breslin nicht: Seine Introvertiertheit und Verschlossenheit. Seine reizbaren, misstrauischen und hypochondrischen Züge. Seine zerrütteten Ehen, seine schweren Depressionen. Seine Medikamenten- und Alkoholabhängigkeit. Er brachte die Ausstellungsmacher zur Weißglut mit seiner Kontroll-Manie. Ein störrischer Zweifler, - schließlich ein Verzweifelter und ein Einsamer, der sich das Leben nahm.
Begonnen hat Rothkos Leben im damals sowjetischen, heute lettischen Daugavpils, wo er 1903 in einem armseligen jüdischen Siedlungsgebiet als viertes Kind eines Apothekers geboren wurde. Die gebildete Familie lebte in ständiger Angst vor den zaristischen Judenverfolgungen. Unter der Parole "Wer die Juden vernichtet, der rettet Russland" verübten die Kosaken Pogrome in den Nachbarstädten. Als Marcus sieben ist, emigriert der Vater nach Oregon/USA, - drei Jahre später folgt die Familie nach. Die Emigration hat Rothko davor bewahrt, ein Opfer des Krieges zu werden. Die Familie lebt nach der Flucht unter armen Verhältnissen. Nach dem Tod des Vaters, Marcus ist elf, müssen auch die Kinder zum Familienunterhalt beitragen. Marcus ist gut in der Schule, erhält 1921 ein Stipendium für die renommierte Yale University, wo er Philosophie und andere Fächer belegt. Nach zwei Jahren bricht er das Studium ab, zieht nach New York, und entdeckt im Alter von zwanzig die Malerei.
Zusammenfassung:
>>Rothkos Bilder aus seiner klassisch-multiformen Schaffensphase (nach 1949) genießen eine erstaunliche (zunehmende) Popularität. Retrospektiven sind Publikums-Magnete. In der Fachwelt werden laufend neue Artikel publiziert: Häufige Themen sind die Spiritualität, die Erhabenheit und die Verzweiflung in seinem Werk. Dennoch: Die vorliegende, dedektivisch erarbeitete Biografie von James Breslin ist die bislang einzig existierende umfassende Beschreibung des gesamten Lebens von Mark Rothko. Überflüssig zu erwähnen, dass darin auch ein Stück Zeit- und Kunstgeschichte festgehalten ist.
>>Der beispiellose Kunstmarkt-Skandal, der nach seinem Tod stattfand, ist bei Breslin nur kurz angedeutet. Drei korrupte Stiftungsverwalter, von ihm selber als vermeintliche Freunde eingesetzt, ignorierten seinen letzten Willen, und plünderten seinen Nachlass. Doch das ist eine eigene Geschichte, die von Lee Selders akribisch aufgearbeitet wurde.
>>Oft wird gesagt, das Buch wäre zu umfangreich. Es würde zu viele nebensächliche Details enthalten, und wäre daher nur für Fachleute von Interesse. Ich kann diese Ansicht nicht teilen. Wer die Gemälde von Rothko liebt, sollte sich durch die 743 Seiten (inklusive Literaturangaben und Abbildungen) nicht entmutigen lassen. Diese facettenreiche, unter die Haut gehende Biografie ist so geschrieben, dass der Inhalt auch dann verständlich bleibt, wenn man nur einzelne Auszüge liest. Wer sich darauf einläßt, wird Rothkos Bilder mit anderen Augen sehen.