Das Portrait, von Alice Schwarzer anläßlich des fünfundachtzigsten Geburtstags Marion Dönhoffs verfaßt, hat mir in mehrfacher Hinsicht gut gefallen. Auf ungefähr zweihundert Seiten wird hier ein Leben aufgeblättert, das auch für das zwanzigste Jahrhundert ungewöhnlich ereignisreich ist. Dabei gerät Schwarzer nie ins Schwafeln, holt nur soweit aus wie nötig und bleibt daher ganz dicht am "Objekt". Das Ergebnis war: keine Minute Langweile, kein Querlesen oder Überblättern.
Angenehm präsent war auch das Gefühl des Respekts gegenüber der Portraitierten, obwohl Schwarzer durchaus kritisch ist. Sie lobhudelt nicht und stellt auch Schwächen Dönhoffs dar, tut das aber ohne sie bloßzustellen. Letztlich bringt dem Leser dies Marion Dönhoff vielleicht erst richtig nahe. Deutlich wird das während des Portraits, aber auch in dem ihm folgenden Interview, in dem sie Dönhoffs Verhältnis zu Frauen und der Solidarität von Frauen untereinander beleuchtet. Schwarzer wäre vermutlich nicht sie selbst, ließe sie sich die Gelegenheit dieser Frage entgehen. Dönhoffs Antwort hängt damit zusammen, daß ihr Leben stets mehr von Männern und deren Spielregeln geprägt war; sie lebte und lebt in einer Welt, in der sie als oftmals einzige Frau anerkannt und gleichberechtigt war und ist. Dieser Aspekt, ein ganz wichtiger im Leben Dönhoffs, gefällt einer "Berufsfeministin" möglicherweise nicht. Aber Schwarzer kommentiert ihn nicht, bewertet ihn nicht und versucht schon gar nicht, den feministischen Blickwinkel in den Vordergrund zu rücken. Sie beläßt diesen Aspekt als das, was er ist: eine Facette, ein Baustein im Charakter und Leben Marion Dönhoffs. Diese steht hier ganz klar im Mittelpunkt und nicht Alice Schwarzer und ihre persönlichen Ansichten über sie. Eine Tatsache, die das Buch ungemein lesenswert macht, vermittelt sie doch den Eindruck größtmöglicher Objektivität, ohne unpersönlich zu wirken.
Eine wunderbare Idee ist es, das literarische Portrait nicht nur durch Fotos und das bereits erwähnte Gespräch zu ergänzen, sondern auch durch etliche Artikel Marion Dönhoffs, die die ihr wichtigen Themen Versöhnung, Toleranz, Verantwortung und Liberalität behandeln. So erhält man nicht nur einen Einblick in ihr journalistisches Oeuvre, sondern bekommt auch gleich Lust, sich mit ihren andern Büchern zu beschäftigen.
Mir hat dieses Buch im übrigen nicht nur einen interessanten Abend beschert, sondern mich auch dazu angeregt, mir über tragfähige moralische Werte Gedanken zu machen. Hat man es doch bei Marion Dönhoff mit einer Frau zu tun, die oben genannte Werte nicht nur predigt, sondern - auch wenn es weh tut - nach ihnen handelt.
Kann ein biographisches Portrait mehr leisten? (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)