Der französische Analytiker Schneider hat anhand vieler Aufzeichnungen und offenbar auch der geheimen Therapieprotokolle des amerikanischen Analytikers Greenson die psychotherapeutische Behandlung von Marilyn Monroe rekonstruiert. Das Buch ist ungemein spannend zu lesen und eine Pflichtlektüre für jeden Therapeuten, weil hier ein ziemlich narzisstischer Analytiker sehr auf die Verzweiflung und die Hilferufe der Patientin eingeht und immer mehr in den Strudel einer sehr destruktiven omnipotenten Vaterpersönlichkeit gerät.
Marilyn Monroe war in den fünfziger Jahren eine der berühmtesten amerikanischen Schauspielerinnen. Sie wurde 1926 geboren, die Identität ihres Vaters ist bis heute unbekannt. Sie wuchs bei entfernten Nachbarn auf, als sie sechs Jahre alt war wurde sie von der Mutter aufgenommen, nachdem sich das kleine Mädchen nicht darüber beruhigen konnte, dass ein Nachbar ihren Hund erschossen hatte. Sie wurde aber bald darauf wieder in verschiedene Pflegefamilien gegeben, da die Mutter einen Nervenzusammenbruch erlitt und kam später in ein Kinderheim. Stets litt sie unter dem Gefühl abgeschoben zu werden. Zeitlebens kämpfe sie mit großen Unsicherheitsgefühlen, begab sich mehrfach in eine Psychoanalyse. Ihr berühmtester Analytiker war Ralph Greenson, bei dem auch Tony Curtis, Frank Sinatra und Vivien Leigh in Behandlung waren.
Ihren Analytiker sah Monroe fast täglich und er munterte sie auch auf, ihn jeden Tag anzurufen, da sie so einsam sei. Manchmal übernachtete sie auch in seinem Haus. Für ihn war dies eine bewusste Strategie, damit sie am Leben und arbeitsfähig blieb. Als Psychiater behandelte er sie auch mit starken Medikamenten, die ihre Stimmung stabilisieren sollten.
Greenson war ein gutaussehender Mann mit einer enormen Ausstrahlung, sein psychoanalytischer Salon galt als herausragend. Dort konnte man Persönlichkeiten wie Anna Freud, Margaret Mead, die Sexualforscher Masters und Johnson und viele Hollywoodgrößen treffen. Die Abende bei Greensons sollen eine geistige und künstlerische Oase inmitten der Wüste des Geldes gewesen sein. Marilyn war dort ein regelmäßiger Gast und wurde in die Familie aufgenommen, die Tochter des Analytikers ging mit ihr spazieren. Für sie wurde er der Retter, sie nannte ihn Jesus und rief ihn nachts an, wenn sie unbedingt mit ihm reden musste.
Oft war die berühmte Schauspielerin so verstört, dass sie nicht zu den Dreharbeiten kommen konnte oder sich stundenlang verspätete. Sie wurde schließlich in eine Klinik eingeliefert und war nun an sieben Tagen in der Woche bei Greenson in Behandlung. Er berechnete ihr einen Vorzugstarif von 50 Dollar in der Stunde und schrieb an seine Kollegin Kris: 'Es erschreckt mich, wie leer ihr Dasein im Hinblick auf Objektbeziehungen ist. Im Grunde ist sie eine Narzisstin. Wir kommen mehr schlecht als recht voran'' Nach seiner Einschätzung war sie nicht analysierbar, Greenson wurde immer aktiver, übernahm Verantwortung über ihr Leben und ihre Freunde warnten, er würde zu viel für sie entscheiden. Die Beziehung zu seiner Familie wurde immer intensiver, sie hatte stets eine Flasche Champagner in seinem Kühlschrank, um am Ende einer Sitzung ein Gläschen trinken zu können, kam auch vorbei, um sich dort die Haare zu waschen. Regelmäßig blieb sie zum Essen, wusch das Geschirr ab. Greenson hoffte die verwirrte Schauspielerin retten zu können, indem er ihr die Wärme und Zuneigung einer glücklichen Familie vermittelte. So wollte er die Entbehrungen ihrer Kindheit wettmachen. Gleichzeitig wollte er sich ihr als realer Mensch zeigen, deutlich machen, dass auch er als Analytiker Schwächen und Gefühle hatte, so dass sie lernen könnte: jeder Mensch ist ein unvollkommenes Wesen und muss mit seinen Ungewissheiten leben. Obgleich ihn sein Freund und Kollege Wexler, warnte beharrte er: 'Die Idee, dass man außerhalb es Sprechzimmers keine echten Beziehungen mit seinen Patienten haben könnte oder dürfte, erscheint mir unvernünftig, ungerecht und ganz einfach idiotisch.'
Schließlich wurde Greenson ihr wichtiger Lebensberater. Monroe berichtete ihrem Exmann, Greenson würde sie in allen wichtigen Bereichen beraten: welche Freunde sie haben solle, welche Filme sie drehen solle, wo sie wohnen solle. Die Analytiker Hollywoods wurden unruhig, missbilligten weitgehend seine Vorgehensweise, in der die Monroe immer abhängiger und hilfloser wurde. Doch Greenson rechtfertigte sich ' so gegenüber dem Schriftsteller Norman Rosten: '' ich bin überzeugt, dass die Behandlung sich dem Kranken anpassen muss und nicht umgekehrt. Marilyn ist keine Patientin für eine Analyse. Sie braucht sowohl eine analytische als auch eine unterstützende Psychotherapie. Ich habe ihr erlaubt, in meiner Familie zu verkehren und unsere Freundin zu werden, weil ich das Gefühl habe, dass sie in der momentanen Phase ihres Lebens eine Kompensation für das emotionale Defizit braucht, unter dem sie seit ihrer Kindheit gelitten hat' Die Beziehung zwischen Greenson und Monroe wurde so eng, dass Greenson große Bedenken hatte die Behandlung zu unterbrechen. Er konnte sich daher nur nach langem Zögern entschließen eine Europareise zu unternehmen. Diese Reise war natürlich ein Desaster für die enge Gefühlsverflechtung zwischen Monroe und Greenson, das war ihm durchaus bewusst und so schickte er ihr aus Europa ein Stofftier ' wie man dies sonst als 'Übertragungsobjekt' eher bei Kindern zu tun pflegt. Nachdem er zurückgekommen war, fand er eine sehr verunsicherte Patientin vor, sie war nicht in der Lage am Drehort zu erscheinen, wurde von der Filmfirma gekündigt und eines morgens tot aufgefunden. Seitdem wird spekuliert, ob es Mord oder Selbstmord oder ein Behandlungsfehler der Ärzte, die ihr zu viel Medikamente verabreichten. Man spekuliert, ob Greenson ihr selbst ein starkes Schlafmittel durch einen Einlauf (!!!) verabreicht hatte. Greenson soll danach ein fast gebrochener Mann gewesen sein.
Bereits der sehr warmherzige Analytiker Ferenczi war in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts an dem Versuch gescheitert, die neurotischen Defizite des Patienten durch reale Liebesbekundungen zu heilen. Er ging davon aus, dass die Erkrankung des Patienten auf einen Mangel an echter Zuneigung und Liebe zurückzuführen sei. Die Therapie müsse deshalb das Liebesmanko ausgleichen, der Therapeut müsse sich mütterlich seiner Patienten annehmen, sie auch umarmen und küssen. Sigmund Freud empfand diese Abweichung vom Abstinenzprinzip als abwegig und gefährlich. Ferenczi erinnerte sich an ein Gespräch mit Freud: 'Der Professor hörte sich meine Darstellung mit wachsender Ungeduld an und erklärte mir schließlich warnend, dass ich mich auf eine schiefe Ebene begeben hätte und in entscheidenden Dingen von den herkömmlichen Gebräuchen und Techniken der Psychoanalyse abwiche. Ein solches Nachgeben gegenüber den Sehnsüchten und Wünschen des Patienten, so echt sie sein mögen, müsse den Patienten in viel größere Abhängigkeit vom Analytiker bringen. ' Von unerfahrenen Analytikern gehandhabt, werde meine Methode, meinte der Professor, nicht zum Ausdruck der elterlichen Hingabe, sondern leicht zu sexuellen Entgleisungen führen.'