Jakob Kersting, Kunsthistoriker aus Ost-Berlin erhält 1988 ein DDR-Stipendium, um in Wien an der Biografie von Josef Hoffman, einem bekannten österreichischen Reformarchitekten, zu arbeiten. Wie Nebelschwaden ziehen bei seiner Arbeit, auf seinen Spaziergängen und bei seinen vielfältigen Begegnungen in Wien seine Kindheit in Nazideutschland an ihm vorbei, seine Jugend und seine wissenschaftliche Laufbahn in der DDR. Das Wiener Bohèmeleben kommt seinem apathischen Charakter entgegen, vermischt sich immer mehr mit der Problematik seiner eigenen Existenz - bis zur Marienbrücke.
Rolf Schneider gelingt ein Roman von außergewöhnlicher Authentizität und Anziehung, der klar und deutlich aufzeigt, wie Menschen -nicht nur Jacob Kersting- sich in einer Diktatur selbst verlieren. Schneider versteht es zwischen Vorantreiben und Stillhalten im Erzählduktus geschickt abzuwechseln. Der Spaziergang" durch den Kommunismus zeigt die Nichtigkeit und Sinnlosigkeit des Individuums im totalitären System. Die Charaktere Schneiders sind geformt mit satirisch.-zynischer Sprache des menschenverachtenden Naziregimes, der Besatzung durch Briten und Russen bei Kriegsende und des real existierenden Sozialismus" der DDR. Besonders die Kindheits- und Jugendfreunde Kerstings, Ytsche und Geesche und sein anarchischer Vater Robert werden mit nahezu beängstigender Präsenz gezeichnet. Der alltägliche Wahnsinn der DDR-Kontrollsysteme und die Morbidität der Wiener Künstlergesellschaft lassen nur wenig Raum für Lebensfreude. Mit spröder, fast schmuckloser Sprache, aber detailgetreuer, plastisch-bilderzeugender Schilderung zeigt Schneider seinen traurigen Helden" in all seinen bisherigen Lebensphasen - bis zur Marienbrücke.
Ein überaus bemerkenswertes Buch zeigt 50 Jahre deutscher Geschichte hautnah. Jedem, der an der Lebensart im anderen Deutschland" interessiert ist, fern von jeglichem Politik- und Propagandaklamauk westdeutscher Prägung, wer darüber erfahren und lesen will, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen, als Lese- und auch als Lernstoff..