An Sofia Coppolas eigenwilliger Version eines Historienfilms scheiden sich die Geister. Ihr Film wird gerne missverstanden und rasch als langweilig abgetan, doch man muss anerkennen, dass ihr mit "Marie Antoinette" ein eigenständiges, wenn auch polarisierendes Kunstwerk gelunge ist.
Es handelt sich hierbei um eine interessante, sozusagen "hippe" Alternative zum klassischen Historienfilm, dem sie mit ihrer frechen und selbstbewussten Regie einen frischen Anstrich verleiht.
Der moderne Bezug, den die Filmemacherin erreichen will, wird schon direkt im Vorspann deutlich, als der Song "Natural's Not In It" der Band Gang of Four erklingt. Der Einsatz moderner Popsongs stößt vielen Zuschauern vor den Kopf und kann durchaus befremdlich wirken, doch das ist nun mal letzlich reine Geschmacksache. Ich finde, dass Coppola die Songs auf leichtfüßige und mühelose Art einbaut und auch nie etwas erzwungen wirken lässt.
Die Gegenüberstellung der häufig modernen Musik mit der historischen Thematik gibt dem ganzen natürlich einen interessanten Bezug mit der heutigen Realität, die von den im Film dargestellten Themen wunderbar korrespondiert.
Coppola geht es offensichtlich nicht um eine akurate Darstellung der Geschichte und den politischen Ereignissen der damaligen Zeit. Sie erzählt die Geschichte ganz und gar aus den Augen der jungen Frau, die regelrecht von Österreich nach Frankreich importiert wurde.
Kirsten Dunst trifft mit dieser Rolle den Nagel absolut auf den Kopf, sie spielt völlig unbeschwert und hinreißend. Gerade ihr tolles Spiel sollte es besonders jungen Zuschauern ermöglichen, sich mit dieser Person zu identifizieren, deren Bedürfnisse und Charakterzüge zeitlos erscheinen.
Ihre Entfremdung und Einsamkeit und ihre Versuche dieser seltsamen Welt zu entfliehen, ist wunderbar umgesetzt (ähnlich wie in Coppolas wundervollem, bedeutend besseren "Lost in Translation"). Sie ist im Prinzip ein ganz gewöhnliches Mädchen, das in eine fremde Welt gestoßen wird und diese, ganz auf sich alleine gestellt, bewältigen muss.
Auch Jason Schwartzman als Ludwig XVI. gibt eine tolle Figur, seine Verklemmtheit und Verunsicherung ist stellenweise urkomisch.
Der Film ist deutlich mehr am höfischen Zeremoniell interessiert als an der Historie. Coppola beobachtet das Leben am Hof, die höfischen Rituale mit scharfem Auge, wodurch sie deren Absurdität entblößt. Die steif wirkende Etikette sorgt auch für manchen Lacher.
Auch die Bezüge zur damaligen Gerüchteküche sind sehr interssant, der berühmte Spruch Marie Antoinettes, dass das Volk doch Kuchen essen soll, wenn sie kein Brot haben, wird als Lüge dargestellt. Parallen zur modernen Klatschpresse, deren Lügengeschichten so manchen Prominenten kaputt machen sind sicherlich nicht ungewollt.
Die Ausstattung ist jedoch zweifelsohne das Highlight des Films: Die exquisiten Dekors führen den Zuschauer direkt in das höfische Leben von Versailles zurück. Natürlich spielen die Originaldrehorte dabei eine entscheidende Rolle, die auf naturalistische und nicht übertriebene Weise eingefangen werden. Die atemberauben Kostüme, für die Milena Canonero mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, sind eine wahre Augenweide.
Coppola kreiert ein ungemein sinnliches Ereignis, man hat regelrecht das Gefühl, die ausgefallen Törtchen schmecken und das Puder der Perücken riechen zu können. Alleie deswegen ist "Marie Antoinette" sehenswert.
Der Film ist also definitiv schön anzusehen und hat einen außergewöhnlichen, unkonventionellen Stil. Er funktioniert auch sicherlich im Bezug auf Coppolas Ambitionen, Parallelen zur Moderne herzustellen (an einer bestimmten Stelle sind sogar versteckt Converse Schuhe zu sehen), jedoch lässt die dargestellte Oberflächlichkeit den Film ein wenig kalt wirken. Dennoch ist "Marie Antoinette" ein guter Film, man muss ihm nur offen begegnen.