Wer sich für Fotografie interessiert, wird viele Bilder in dieser Publikation bereits kennen. Und dennoch wird sich die Anschaffung lohnen, auch wenn die Kosten dafür nicht ins laufende Budget passen. Denn so umfassend wurde das Werk dieser Ausnahmekünstlerin dem Publikum noch nie vorgestellt. Möglich machten dies die Fotostiftung Schweiz in Winterthur, das Bundesamt für Kultur und die F. Aeschbach AG in Zürich. Und wer bis zum 30. Mai nicht nach Winterthur pilgern kann oder nicht warten möchte, bis die Ausstellung vom 11. Juni bis zum 6. September in Berlin gastiert, bekommt mit diesem Bildband eine Alternative. Im Großformat und tadelloser Qualität enthält er nebst Bekanntem auch viele bisher unbekannte Fotografien und Neuabzüge von Negativen aus dem Nachlass von Marianne Breslauer. Zudem erinnern die klugen Texte an das aufregende und außergewöhnliche Leben einer Frau, die auch in der Männerdomäne Kunsthandel für Aufregung sorgte.
Am 20. November 1909 in Berlin geboren, fühlte sich Marianne Breslauer schon früh zur Fotografie hingezogen. Bereits 1929, nachdem sie die Fotoklasse des Lette-Vereins abgeschlossen hatte, nahm die talentierte Künstlerin an einer bedeutenden Ausstellung in Stuttgart teil, reiste nach Paris und war dort sogar Schülerin von Man Ray. Zurück in Deutschland lernt sie in Berlin das Handwerk einer Fotografin in der ganzen Breite. Beeinflusst haben ihr Werk auch eine Reise nach Palästina, die Freundschaft mit Annemarie Schwarzenbach und natürlich das Exil. Denn nachdem sie dazu aufgefordert wurde, ihre Bilder unter einen Pseudonym zu veröffentlichen, verließ Marianne Breslauer 1931 Deutschland. In Amsterdam lernte sie dann den Kunsthändler Walter Feilchenfeldt kennen, heiratete ihn und eröffnete vier Jahr nach der Geburt ihres zweiten Sohnes in der Schweiz eine Kunsthandelsfirma. Ihr fotografisches Werk wurde erst in der 1980er-Jahren neu entdeckt und ist heute in den bedeutendsten Museen zu sehen. Wer mehr über das Leben von Marianne Breslauer wissen möchte, sei auf das 2009 erschienene Buch "Bilder meines Lebens. Erinnerungen" verwiesen, das Marianne Breslauer kurz vor ihrem Tod vollendete.
Am liebsten möchte man den Bildband keinem Büchergestell anvertrauen, ist doch bereits das Cover ein eigenständiges Kunstwerk. Geordnet sind die Fotografien nicht streng chronologisch, was auch deshalb Sinn macht, weil Ausstellung und Begleitkatalog gezielt zu einzelnen Punkten hinführen wollen, die Leben und Werk von Marianne Breslauer prägten. Zu diesem Konzept gehört auch der Abdruck von Dokumenten und Fotografien, die nicht von Marianne Breslauer stammen, Zudem finden sich am Ende jedes Kapitels ausführliche Anmerkungen, die das Einordnen der Fotografien erleichtern. Von der sorgsamen und liebevollen Herangehensweise an die Aufgabe, dieser Künstlerin gerecht zu werden, zeugt auch, dass bei der Vorstellung ihres Gesellenstücks aus dem Jahre 1929 nicht auf den teuren Farbdruck verzichtet wurde. Vornehm verzichte ich darauf, einzelne Fotografien zu beschreiben oder besonders herauszuheben, was mir umso leichter fällt, da jede Seite eine magische Anziehungskraft ausübt. Zum Schluss finden sich noch eine kurz gefasst Biographie, Angaben zu veröffentlichten Fotografien und eine Bibliografie.
Mein Fazit: Seit das Werk von Marianne Breslauer in den 1980er-Jahren wiederentdeckt wurde, zählt sie zu den bedeutendsten Fotografien der Welt. Diese Begleitpublikation zur ersten umfassenden Retrospektive zeigt auch bisher unbekannte Fotografien und so hervorragender Qualität, dass man als stolzer Besitzer den hohen Preis gleich wieder vergisst.