"Maria Theresia" ist der zweite Roman von Gabriele Cristen, den ich gelesen habe, und meine Rezension dürfte der zu "Sisi" ziemlich ähneln, denn beide Bücher teilen die selben Stärken und Schwächen.
Zu den Stärken zählt eindeutig der Schreibstil, der sich nicht nur angenehm liest, sondern auch gekonnt (und ohne zu übertreiben) die Sprache des 18. Jahrhunderts imitiert. Ebenso wie "Sisi" ist der Roman aus der Perspektive der titelgebenden Hauptperson geschrieben.
Hier ist es also Maria Theresia, Tochter Kaisers Karls VI und später Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, die rückblickend ihre Lebensgeschichte erzählt. Von ihren Kinderjahren bis zu der endgültigen Festigung ihrer Herrschaft als Kaiserin. Sie erinnert sich dabei nicht nur an ihre politischen Triumphe und Niederlagen, sondern besonders auch an ihre privaten und familiären Erlebnisse - gute wie schlechte. Dank der Ich-Perspektive hat man unmittelbaren Zugang zu Maria Theresias Gefühlen und Gedanken, wodurch man sich sehr gut in sie hineinversetzen und mit ihr fühlen kann. So kann man sich nur schwer von dem Buch lösen, da man immer wissen möchte, wie es weiter geht und was noch auf die Kaiserin zukommt.
Aus dieser Ich-Perspektive resultiert aber auch eine Schwäche des Romans. Man weiß nicht, was die anderen Charaktere denken oder fühlen, man ist auf Maria Theresias Sicht beschränkt - und die ist leider etwas eng. Die Autorin konzentriert sich hauptsächlich auf Marias Familienleben, die Feste und Vergnügungen am Hofe und ihre politischen und militärischen Pläne und Beschlüsse, ohne zum Beispiel die Auswirkungen ihrer Staatsreformen, die geschlagenen Schlachten oder die gesellschaftlichen Veränderungen näher zu beschreiben. Der Leser steht zusammen mit der Kaiserin weit über dem gewöhnlichen Leben der normalen Bürger und bewegt sich nur in einem bestimmten Personenkreis. Zusätzlich fangen die Überlegungen und Zweifel der Kaiserin irgendwann an, sich zu wiederholen und gegen Ende schleicht sich ein etwas selbstmitleidiger Ton ein.
Überhaupt tendiert die Autorin dazu, ihre Heldin etwas zu positiv darzustellen. Eklatante Fehlentscheidungen, Vetternwirtschaft sowie wenig liebenswerte Züge wie Eifersuchtsanfälle und frömmlerische Moralwächterei werden beschönigend beschrieben und sofort entschuldigt. Und bei aller Bewunderung für Maria Theresia glaube ich kaum, dass ihre Nächstenliebe so weit ging, die von Österreich mitbeschlossene Teilung Polens aufrichtig zu bedauern.
Stellenweise rutscht Cristen auch ein bisschen ins Kitschige ab, wenn "Reserl" und ihr Mann "Francois - mon vieux" einander anschmachten, aber das hält sich zum Glück in engen Grenzen.
Zusammenfassend ist "Maria Theresia" ein Roman, der sich leicht und unterhaltsam liest und nebenbei auch einiges an geschichtlichen Informationen vermittelt. Man kann sich hervorragend mit der Hauptprotagonistin identifizieren, andererseits beschränken die Ich-Perspektive und die Einseitigkeit der Autorin auch den Horizont des Lesers und gegen Ende kommt es zu Längen. Dennoch schönes Lesefutter für Zwischendurch.