Ich finde es richtig, dass der Autor Maria Theresias Lebensgeschichte in Themenkomplexe gegliedert hat - es wäre sonst zu verworren gewesen, immerhin ist viel zu erklären - Thronfolge, Ehe, 16 Kinder, Kriege und Reformen -, und der Leser (zumindest ein Laie, wie ich es bin) wuerde sicher den Faden verlieren.
Es ist schön, ueber Maria Theresias Kindheit zu lesen - tragisch, wie die Eltern nach 8 Jahren kinderloser Ehe endlich einen Sohn bekommen und dieser mit nur 8 Monaten stirbt! Danach kamen "nur" noch Töchter... Dass das Geschlecht des Kindes vom Mann "bestimmt" wird, konnte Kaiser Karl VI. (der Vater) nicht wissen, dennoch hat er anders als andere Ehemänner dieser Zeit seine Enttäuschung NICHT an Frau und Kindern ausgelassen, sondern war offenbar ein recht guter Ehemann und Vater.
Leider verliert der Autor kein Wort ueber den Tod von Maria Theresias Mutter - sie verschwindet nach Maria Theresias Geburt fast völlig von der Bildfläche. Allerdings stellt der Autor selbst fest, M. T. habe kein inniges Verhältnis zu ihrer Mutter gehabt. Ihren Tod (1750) sollte man aber dennoch erwähnen, finde ich.
Das Bildmaterial ist sehr schön, vor allem zwei Bilder, die M. T. als Kind und als die - sehr schöne - junge Frau zeigen, die sie VOR den ewigen Schwangerschaften war.
Die Zitate sind interessant, wenn auch schwer zu lesen - sie wurden nämlich nicht an die heutige Orthographie angepasst, sondern originalgetreu zitiert - so erfährt man etwa, dass Maria Theresias Lunge nicht mehr "wuerckte" usw. So erhält man einen Eindruck vom DEutsch der feinen Herrschaften, die meistens Französisch wesentlich besser konnten als ihre eigene Muttersprache - oder schlimmstenfalls keines von beiden richtig...
Franz Herre passiert das gleiche wie allen Historikern, er schreibt von anderen ab - und uebernimmt somit auch deren Fehler. Er glaubt z. B., dass Marie Antoinettes Ehe erst nach 7 Jahren vollzogen wurde, obwohl belegt ist, dass dies "schon" nach 3 Jahren Ehe passierte... Dann schreibt er noch, marie Antoinettes erster Sohn sei im März 1785 geboren - falsch, das war der zweite Sohn, der erste wurde geboren im Oktober 1781.
Herre stellt zu Recht fest, dass Erzherzogin Marie Christine Maria Theresias Lieblingskind war - allerdings klingt es so, als sei sie dies erst im Laufe der Jahre geworden, womöglich erst nach den ratschlägen ihrer Schwägerin Isabella, die ein scharfes psychologisches Gespuer hatte und ihre Umgebung gut durchschaute. Es ist aber belegt, dass Marie Christine von Geburt an der Liebling ihrer Mutter war, wahrscheinlich deshalb, weil sie an Maria Theresias eigenem Geburtstag geboren wurde.
Ein Wunder, dass Maria Theresia soviel geschafft hat - 40 Jahre Regierung sind eine lange Zeit, aber man darf nicht vergessen, dass sie die ersten 20 Jahre fast ununterbrochen im Kindbett verbracht hat (16 Kinder in 19 Jahren!).
Apropos Kinder, M. T. war stolz auf ihre Kinderschar, aber sie gesteht dennoch, dass sie hofft, das 10. Kind möge das letzte sein, weil das kinderkriegen "mich schwächt und altern lässt". Hier sieht man wirklich den Menschen Maria Theresia, nicht die Herrscherin und Politikerin.
Das ist das Beste an dem Buch: Die Hauptfigur wird lebendig! Man erfährt, wie verliebt sie in ihren Mann war, dass sie Freude an Handarbeiten hatte und dass sie - was ich sehr sympathisch fand - NICHT gern gejagt hat, aus Mitleid mit den Tieren.
Franz Herre hat uebrigens einen ganz eigenen Schreibstil - er verwendet oft Gegenueberstellungen wie z. B. "Die Schwiegereltern waren zufrieden, und die Schwiegerkinder mussten zufrieden sein." Und: "Am liebsten spielte sie (Marie Antoinette) heitere Theaterrollen, nicht ahnend, dass ihr eine traurige Rolle im Drama der Revolution bevorstand." Dieser Stil ist GELEGENTLICH unterhaltsam, auf die Dauer aber etwas ermuedend.
Eigentlich ein gutes Buch, leider zu viele kleine Fehler - schwanke zwischen 3 und 4 Sternen, es sollte dreieinhalb geben! Daher: 4 Sterne, denn: Im Zweifel fuer den Angeklagten!