Was ist das Faszinierende an einem 796 Seiten starken, mit kleinen Buchstaben geschriebenen Buch über Maria Magdalena? Der Inhalt, ehrlich gesagt, nur bedingt. Er ist auf den ersten Blick nicht weltbewegend. Aber das ist genau die Erkenntnis, das Ziel dieser Geschichte: Maria Magdalena als Ich-Erzählerin erzählt ihr Leben, Schritt für Schritt, Ereignis für Ereignis, an und für sich unbedeutende Ereignisse. Und sie erzählt sie bescheiden, sanft, ein Stil wie ein frischer Wind, der über eine Ebene weht, niemals reißerisch (keine Sexszenen, aber viel Liebe): keine Ironie, keine Sarkasmen, nicht Wut, Zorn, Angst, Haß, Rache. Obwohl sie für all diese Gefühle Grund genug hat. Sie erzählt, und sie erzählt nie langweilig: Die Begegnung mit dem Mann namens Jesus, das Ziehen durchs Land, die Mission, das Ende und der Neubeginn. Jenseits aller religiösen Dogmen (Maria, die Mutter Jesu, stirbt in diesem Buch, zum Beispiel, komplizierte Denkgebäude aus Paulusbriefen, Johannesevangelium und späterer Philosophie werden komplett weggelassen), die Geschichte von Menschen, die etwas versucht haben. Die Ich-Erzählerin urteilt nicht, sie versucht nicht, den Leser gegen seinen Willen zu überzeugen, zu vereinnahmen. Sie berichtet. Das Urteilen überlässt sie anderen.
So entsteht, Stil und Inhalt ergänzen einander perfekt, Das Bild einer Frau, alt geworden und gereift, die nach einem erfüllten und ungewöhnlichen Leben, nach Verlusten, Erfolgen und Phasen des Scheiterns, über den Dingen steht und auch durch die Beurteilung ihrer Mission (durch den Leser oder die Zeitgenossen) nicht an der Richtigkeit dieser Mission Zweifeln wird.
Das Ergebnis ist atemberaubend und kann in seiner klaren Einfachheit den Leser besser von der Bedeutsamkeit des Jesus von Nazareth überzeugen als eine engstirnig-dogmatische Abhandlung.