..., Hoffnungsträger oder Verbrecher: Bei kaum einer Figur des öffentlichen Lebens gehen die Meinungen so weit außeinander wie über den Mann namens "Marcos", Subcommandante der EZLN (Nationale Zapatistische Befreiungsarmee) und zugleich ihr prominentestes Mitglied.
Bis zur Besetzung der mexikanischen Provinz Chiapas am 1. 1. 94 war die EZLN eine so gut wie unbekannte Guerillaorganisation. An diese bescheidenen Anfänge erinnert heute wenig: In den Verhandlungen mit der mexikanischen Regierung tritt sie als gleichstarke Macht auf, in Chiapas hat sie beinahe schon Kultstatus erreicht (inklusive T-Shirts, Puppen und "original" EZLN-Gesichtsmasken, Marken- und Erkennungszeichen der Gruppierung), für die internationale Anti-Globalisierungsbewegung und andere linke Gruppen ist sie - und mit ihnen vor allem der Subcommandante - die letzte Verkörperung der Hoffnung auf die "gute", soziale Revolution - nachdem sich andere, etwa Kuba oder Russland, als herbe Enttäuschungen entpuppten.
Dabei ist über den informellen Führer (nominell eigentlich nur Subcommandante, "Unterbefehlshaber" der EZLN), bis heute kaum etwas bekannt: Sehr wahrscheinlich ist Marcos' wahrer Name Rafael Guillen, ehem. Universitätsprofessor in Mexiko City und Sohn eines Akademikerehepaares - eine ungewöhnliche vita für einen Widerstandskämpfer.
Und genau das ist es, was dieses Buch so wertvoll macht. Basierend auf Interviews mit dem Rebellenführer bietet es Informationen aus erster Hand über den rätselhaften Marcos, zusammen mit ungekürzten Mitschriften aus den Interviews (und Marcos gibt die besten Interviews, die ich seit langem gelesen habe - ohne dabei in das für linke (Revolutionäre) oft so typische etwas propagandistisch anmutende Vokabular zu verfallen). Somit eröffnet sich für den Leser die Möglichkeit, sich selbst ein Bild des charismatischen Mannes und seiner Organisation zu machen - Held oder Verbrecher? Sicher bin ich mir immer noch nicht. Allerdings tendiere ich stark zu ersterer Varante.